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Selma gehört dazu

Springe. Selma lächelt. Das Mädchen mit den leuchtenden braunen Augen ist fast immer gut gelaunt, außer, wenn der Unterricht zu anstrengend war. Für ihre Familie grenzt es fast an ein Wunder, dass die Sechsjährige überhaupt eine Regelschule besuchen kann. Es war ein Wagnis, ein Experiment. Selma ist ein Beispiel dafür, wie Inklusion in der Realität aussehen kann – wenn der Wille da ist.

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Autor:

Markus Richter

„Selma spielt gerne Playmobil, genauso wie ich“, sagt Mitschülerin Larina. Doch Selma ist ein besonderes Kind. Sie sitzt im Rollstuhl, kann Arme und Beine nicht koordiniert bewegen und praktisch nicht sprechen. Seit ihrer Kindheit leidet die Springerin unter Cerebralparese, verursacht bei der Geburt durch Sauerstoffmangel im Gehirn. „Selma konnte nicht alleine essen und trinken“, erinnert sich ihre Mutter Bettina Löloff. Bis vor zwei Jahren wurde das Kind durch eine Magensonde ernährt, eine Pumpe versorgte den Körper mit Nahrung. Seit zwei Jahren ist Selma nicht mehr auf die Sonde angewiesen. Das Mädchen schafft es jetzt dank Logopädie alleine.

Im Alter von drei Jahren kam Selma in die I-Gruppe des Bison-Kindergartens. „Die Praktikantin Lena hat sie sehr geliebt“, berichtet Bettina Löloff – eine wertvolle und aufregende Zeit – „für beide war es eine Ausbildung“. Dann kauften Löloffs ein Haus, das im Einzugsgebiet der Grundschule am Ebersberg liegt. Noch bevor das Thema Inklusion in aller Munde war, haben Frank und Bettina Löloff intensive Gespräche mit Rektorin Yvonne Pape geführt. Den Rechtsanspruch zum Besuch einer Regelschule gibt es erst ab 2018 (siehe Infokasten). „Ich bin froh und dankbar, dass es geklappt hat“, sagt die Mutter. Am Ebersberg wurde Selmas Bruder Finn eingeschult, als die Vorbereitungen für seine geliebte Schwester liefen: ein Raum wurde in ein spezielles Badezimmer umgebaut, eine Stufe ebnete im Gebäude den Weg für den Rollstuhl. Die bestmögliche Förderung für ihre Tochter sahen die Eltern eben in einer „ganz normalen Schule“. Sowohl die Einrichtung als auch die Familie wagten den Versuch.

Um 11.30 Uhr herrscht in Raum 1 noch wildes Durcheinander. Ein Junge kreischt fröhlich und berichtet lautstark, dass er mit sieben Jahren der Größte und Älteste sei. Mehrere Mädchen stehen bei Selma, knuddeln sie, scherzen mit ihr. „Selma ist toll“, schwärmt die kleine Gesa. Die Lehrerin ruft die Kinder zur Ruhe. Kunstunterricht ist angesagt, ein Glas soll bemalt werden. Selma hat an ihrem Rollstuhl heute nicht den Talker angebracht. Offenbar will sie wie alle anderen sein. Dabei klappt die Kommunikation eigentlich am besten mit dem intelligenten Bildschirm. „Selmas Sprache reicht für den Alltag, aber nicht zum Rechnen, Schreiben und Lesen“, hat ihre Mutter festgestellt.

Den Talker bedient Selma mit ihren Augen. Infrarotsensoren erkennen deren Bewegung. Verharrt der Blick länger auf einem Symbol, sagt der Lautsprecher, was Selma meint. Ganze Sätze können so gebildet, Matheaufgaben gelöst werden. Regelmäßig besucht die Familie der Programmierer und Miterfinder, ein Mann aus Bennigsen, der die Technik auf Selma individuell einstellt.

„Die anderen Schüler fordern sie zum Erzählen auf“, berichtet Klassenlehrerin Ulrike Forberich. Dann hat Selma keine Lust auf den Talker und spricht drauflos. „Ich verstehe fast alles, was sie sagt“, berichtet Lina stolz. Dass ihre Mitschülerin im Rollstuhl sitzt, findet sie nun wirklich nicht außergewöhnlich. Darum sind die Kinder auch nicht übertrieben vorsichtig im Umgang miteinander. Dass Selma eine von vielen in der kleinen Erstklässlerhorde ist, begrüßt auch die Pädagogin außerordentlich: „Das tut allen gut.“ Vorurteile und Hemmschwellen existieren nicht.

Funktionieren kann der Schulbesuch allerdings nur durch die Unterstützung einer Expertin: Eleni Kyriazaki ist Naturheilkundlerin und den gesamten Vormittag über an Selmas Seite. „Wenn es zu laut und zu anstrengend wird, weichen wir in einen anderen Raum aus“, sagt Kyriazaki. Per Handschlag habe sie mit ihrem Schützling einen Deal ausgehandelt: Selma versprach, mal mit und mal ohne den Talker zu arbeiten. Zur Motivation kommen manchmal Handpuppen zum Einsatz. Jeden Tag nach der Schule telefoniert die Fachfrau mit Familie Löloff. Auch für sie ist die Integration des behinderten Mädchens nicht alltäglich. Eigentlich werde mehr Geld benötigt, um die Inklusion umzusetzen, meint Kyriazaki: „Auch andere Kinder bräuchten mehr Unterstützung.“ Material, Personal, Räume – das gebe es nicht zum Nulltarif.

Nach der Schule ist neben Krankengymnastik und Reittherapie ein großer Zeitaufwand für die Hausaufgaben nötig. Seit der Geburt ihrer Tochter geht Bettina Löloff nicht mehr arbeiten – anders wäre es nicht zu schaffen. Die Alternative – Förderschule – kam nie infrage. Mut macht der Fall einer Kölnerin mit den gleichen Symptomen wie Selma. Sie studiert. „Sie muss allerdings den doppelten Aufwand betreiben, damit die Leute sie ernst nehmen.“

Der Weg ist steinig, für alle Beteiligten mit immensen Anstrengungen verbunden. Immer wieder muss Überzeugungsarbeit geleistet werden, auch gegenüber Ärzten, denen Familie Löloff klarmachen muss, dass Selma keine geistige Behinderung hat, sondern über normale Intelligenz verfügt. Die Mutter ist überzeugt: „Wir möchten, dass Selma zumindest die Möglichkeit hat, wie alle anderen zu sein: ganz normal.“

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