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Verfahren eingestellt: 46-Jähriger betreut Vater und Mutter – und ist sich keiner Schuld bewusst

Schwerer Vorwurf: Eltern misshandelt?

Springe (jemi). Hat ein 46-Jähriger seine Eltern bis zum Tod aufopferungsvoll gepflegt, oder hat er sie brutal misshandelt? Diese Frage musste gestern am Amtsgericht geklärt werden. Angeklagt war der Mann, weil er Vater und Mutter körperlich traktiert und verbal bedroht haben soll. Das jedenfalls wollen Mitarbeiter von Pflegediensten beobachtet haben.


Zur Vorgeschichte: Der Springer hatte vor etwa zehn Jahren seine Adoptiveltern bei sich aufgenommen, um sie zu pflegen, wie er berichtete. Zunächst habe er seinen Vater unterstützt, der sich um seine Frau kümmerte, nachdem diese einen Schlaganfall erlitten hatte. Im Januar 2010 ereilte den Vater dann das gleiche Schicksal – er wurde selbst zum Pflegefall. Der Adoptivsohn kümmerte sich von da an um beide. „Ich hatte meinen Eltern versprochen, so lange wie möglich, für sie da zu sein“, versicherte der 46-Jährige. Er sei dann auch nicht mehr arbeiten gegangen, um rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen. Unterstützt wurde er dabei von verschiedenen Pflegediensten. Mit zwei Anbietern sei er jedoch nicht zurecht gekommen.

Eine Pflegedienst-Mitarbeiterin erklärte als Zeugin, der Angeklagte habe beim Waschen des Intimbereichs seiner Mutter deren Beine mit Gewalt auseinander gedrückt. Auch erinnere sie sich daran, dass der 46-Jährige seine Mutter „mit voller Wucht“ in den Rollstuhl gesetzt und dabei gerufen habe: „Die Pflege von zwei Bekloppten ist eben nicht immer eitel Sonnenschein.“ Sie selbst habe Angst vor dem 46-Jährigen gehabt, gab die Pflegekraft an. Von einem Kollegen habe sie erfahren, dass der Angeklagte sie immer nur „die Fette aus der Mittagsschicht“ genannt hätte. Die Altenpflegerin sagte außerdem aus, dass der Springer den Darm seiner Mutter „gewaltsam mit vier Fingern ausgeräumt“ habe. Außerdem habe er seine Mutter an den Haaren gerissen, wenn sie nicht auf seine Forderungen reagiert habe.

Ein anderer Mitarbeiter des Pflegedienstes erklärte, dass er Kameras entdeckt habe, die die Eltern filmten. Er habe dem 46-Jährigen daraufhin vorgehalten, damit die Intimsphäre der Eltern zu verletzen. Daraufhin habe dieser „verbal aggressiv“ reagiert. Angebracht haben will der Angeklagte die Kameras, um nachts kontrollieren zu können, ob die Eltern ruhig schlafen. Denn es sei vorgekommen, dass seine Mutter aus dem Bett gefallen sei, erklärte er.

Nachdem Anfang Mai die Mutter verstarb und diverse Beschwerden von Pflegediensten kamen, wurde dem Sohn die Betreuerschaft entzogen. Ein Berufsbetreuer wurde an seiner Stelle für den noch lebenden Vater eingesetzt. Dieser sei mal mit und mal ohne Ankündigung im Haus des Angeklagten aufgetaucht. Es sei immer sehr aufgeräumt gewesen, bescheinigte er. Der 46-Jährige habe auffällig penibel auf die Versorgung seines Vaters geachtet. Der Betreuer will im Laufe des Jahres sogar eine positive Entwicklung des Vaters festgestellt haben. Vor etwa einem Monat ist dieser dann aber auch gestorben.

In einem Rechtsgespräch entschied das Gericht, das Verfahren gegen den Angeklagten mit der Auflage von 50 Arbeitsstunden einzustellen. Man könne nicht mit Sicherheit sagen, ob eine Misshandlung von Schutzbefohlenen vorliegt. Der 46-Jährige scheine eher überambitioniert an die Pflege seiner Eltern herangegangen zu sein. Eine böse Absicht konnte die Richterin nach der Beweisaufnahme nicht feststellen.



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