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Riskante Innenstadt-Belebung

Die Neue Deister-Zeitung hat bei der Industrie- und Handelskammer nachgefragt, welcher Aufwand und welche Kosten sich tatsächlich hinter einer Existenzgründung in Springe verbergen.

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Autor:

von Sandra Hermes

SPRINGE. Das Einzelhandelskonzept sorgt für Gesprächsstoff in Springe – sowohl bei den Politikern und den Händlern als auch bei den Konsumenten. Oft wird kritisiert, dass die Öffnungszeiten in der Innenstadt nicht einheitlich seien und so die Osttangente als Einkaufsort immer attraktiver werde.

Wilko Struckmann vom Werbe- und Informationsring Springe versteht zwar die Aufregung – er macht aber auf einen aus seiner Sicht zentralen Faktor aufmerksam: „Wir haben hier in Springe das große Glück, dass wir immer noch viele inhabergeführte Geschäfte haben. Die Stadt ist geprägt durch Individualität und nicht durch Ketten.“

Struckmann wünscht sich mehr Verständnis für die Inhaber. „Jeder sollte sich überlegen, was hinter einer Existenzgründung steht – vom persönlichen Zeitaufwand weit über 40 Stunden die Woche bis hin zum finanziellen Risiko,“ erklärt Struckmann.

Die Neue Deister-Zeitung hat bei der Industrie- und Handelskammer nachgefragt, welcher Aufwand und welche Kosten sich tatsächlich hinter einer Existenzgründung in Springe verbergen. Gründerberater Scott Kohlberg von der IHK Hannover erklärt: „Vor der Eröffnung eines Geschäftes fallen bereits diverse Kosten an, ohne dass auch nur ein Euro verdient wurde.“ Für die NDZ ist er bei seinen Berechnungen von einem knapp 100 Quadratmeter großen Bekleidungsgeschäft ausgegangen.

Erste Ausgaben ergäben sich bereits während der Umbau- und Renovierungsmaßnahmen, weil schon Miete gezahlt werden müsse. Dies könne zu ein bis zwei Monatsmieten ohne Umsätze führen und müsse entsprechend vorfinanziert werden, so Kohlberg. Da komme je nach Lage schnell ein höherer vierstelliger Betrag zusammen. „Zudem fällt eine Mietsicherheit an und gegebenenfalls auch eine Maklercourtage. Es sollte immer beim zuständigen Bauamt geprüft werden, ob ein Antrag auf Nutzungsänderung der Immobilie gestellt werden müsse. Hier ist jedem Gründer zu empfehlen, dass er versucht, das mietvertragsrechtlich auf den Vermieter zu verlagern“, rät der Gründerberater. Immerhin könnten durch einen solchen Antrag weitere Kosten, gegebenenfalls auch notwendige bauliche Veränderungen entstehen.

„Für die Geschäftsausstattung (Mobiliar, Technik, Boden, et cetera) können je nach Zustand des Geschäfts unterschiedlich hohe Kosten entstehen“, sagt Kohlberg. Es könne beispielsweise notwendig sein, dass ein neuer Fußboden verlegt und die Elektrik inklusive Beleuchtung erneuert werden müsse. Eventuell reiche es auch aus, die Wände zu streichen. „In einer einfachen Variante können somit Kosten in Höhe von 10 000 bis 15 000 Euro entstehen,“ fasst er zusammen und gibt zu bedenken: „Bei den erwähnten Kosten sind immer die Nettobeträge ohne Mehrwertsteuer berücksichtigt.“

Bei den Berechnungen dürfe der Existenzgründer auf keinen Fall die Nebenräume vergessen, warnt Kohlberg. Sowohl für das Lager, für ein WC als auch für eine Teeküche würden schnell Kosten anfallen, die viele zunächst nicht einkalkuliert hätten.

„Ein weiterer Kostenfaktor ist die Außenwerbung, die eine hohe Werbewirkung für das Geschäft hat“, zählt der IHK-Mitarbeiter auf. Auch hier gebe es kostengünstige Varianten wie beispielsweise eine Beschriftung der Schaufenster. Eine repräsentative Außenwerbung mit Beleuchtung werde mit Kosten von mindestens 1 500 bis 2 000 Euro verbunden sein. Je nach Größe und Umfang seien die Preise nach oben offen, macht Kohlberg deutlich. Sollte man eine Außenwerbung montieren wollen, benötige man immer einen Bauantrag, da diese den öffentlichen Raum betreffen.

In Springe könnte der Denkmalschutz diesbezüglich auch eine Bedeutung haben. Der Gründerberater rät: „Bei den Kosten rund um den Ladenbau, Außenwerbung, et cetera sollte sich jeder Einzelhändler einen Puffer einbauen, da fast immer Kosten entstehen, mit denen vorab nicht kalkuliert wurde.“

Das ist aber längst noch nicht alles, immerhin muss das Geschäft auch noch mit Ware ausgestattet werden: „Kommissionsware bietet mittlerweile fast kein Lieferant mehr an,“ erklärt Kohlberg. Die Kosten für eine Warenerstausstattung seien davon abhängig, mit welchen Lieferanten zusammengearbeitet werde und welche Lieferrhythmen diese hätten. Bei Systemlieferanten mit einer klassischen Aufschlagskalkulation sollte man von einer Warenerstausstattung von 250 Euro pro Quadratmeter Verkaufsfläche ausgehen. Bei einem 100 Quadratmeter großen Geschäft würde dies einen Warenanfangsbestand von rund 25 000 Euro zur Folge haben.

Aber auch hier hören die Kosten noch nicht auf. „Mit dem Gewerbestart kommt noch die zuständige Berufsgenossenschaft auf den Gründer zu. Hier fallen Beiträge für die betriebliche Unfallversicherung der Mitarbeiter an. Je nach Anzahl der Mitarbeiter variiert der Beitrag“, klärt Kohlberg auf. Da ein stationärer Einzelhändler selten ohne Mitarbeiter auskomme, würden hier durch zumindest Aushilfen Kosten entstehen, führt er weiter aus.

Berücksichtigt werden müsse auch noch die Eröffnungswerbung, um Kunden auf das neue Angebot aufmerksam zu machen und die Einstellung und Einarbeitung von Mitarbeitern, so Kohlberg.

Dem Vorsitzenden des Werbe- und Informationsrings, Wilko Struckmann, ist wichtig, dass die Bürger in Springe die Geschäfte wieder mehr zu schätzen wissen und diese nicht für selbstverständlich halten. „Immerhin werden die Kunden hier auch noch beraten“, erklärt er. Die Kunden müssten einsehen, wie schwierig es sei, mit wenigen Mitarbeitern oder als Einzelkämpfer durchgängige Öffnungszeiten anzubieten, umgekehrt müssten die Händler den Wunsch der Kunden akzeptieren und ihr möglichstes tun, um diese nicht dauerhaft zu verlieren.

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