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Riesige Hanf-Plantage in Eldagser Keller

Eldagsen. Als er die Eltern seiner Freundin zum ersten Mal besuchte, wunderte er sich über den süßlichen Geruch im Treppenhaus: „Ich kannte das. Ich habe ja selber mal gekifft.“ Zuerst vermutete er, der Opa seiner Angebeteten würde „komische Medikamente“ nehmen. Wochen später erkundete er in einem unbeobachteten Moment den Keller: Dort entdeckte er eine Hanfplantage mit mehr als tausend Pflanzen.

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VON MARITA SCHEFFLER

Als seine Freundin mit ihm Schluss machte, rächte sich der 25-jährige Münderaner. Er lief nachts zu einer Telefonzelle in Eldagsen, wählte die „110“ und zeigte den Vater seiner Freundin an.

Kurz danach kreiste ein Polizeihubschrauber über der Stadt und spähte auffällige Wärmequellen aus. Bei ihrer anschließenden Hausdurchsuchung fanden die Beamten im Keller Marihuanablätter, Joints, Massen von Verlängerungskabeln, Lampenschirmen, Hochdrucklampen, Ventilatoren und CO2-Tabletten. Das Tongranulat, der Dünger und die Anzuchtkästen hätten gereicht, um eine durchschnittliche Gärtnerei zu bestücken.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 57-jährige Familienvater in zwei Jahren so viel „Gras“ anbauen und ernten konnte, dass er fast 200 000 Euro eingenommen hat. Damit habe er sich und seiner Familie einen Lebensstandard finanziert, der mit seinen Hartz-IV-Bezügen bei Weitem nicht möglich gewesen wäre.

Der Vorwurf, der 57-Jährige habe mit einem Dauermagneten den Stromzähler im Haus manipuliert, damit niemand wegen der hohen Energiekosten stutzig werden konnte, hört sich im Vergleich dazu schon beinahe banal an.

Der 57-Jährige weist jede Schuld von sich. Die Fundstücke in seinem Keller stammten von unbekannten Personen, denen er die Räume vermietet habe, erzählte er der Polizei. Bei der gestrigen Verhandlung vor dem Springer Amtsgericht verweigerte er die Aussage. „Was ich hier sage, wird mir ja doch alles nur zu meinem Nachteil ausgelegt.“ Amtsrichter Felix Muntschick staunte – und verneinte. Doch der Angeklagte blieb dabei: „Davon bin ich überzeugt. Das ist meine Erfahrung mit der Justiz.“

Der 57-Jährige wäre lieber erst gar nicht vor Gericht erschienen. Über seinen Anwalt hatte er im Vorfeld versucht, sich verhandlungsunfähig schreiben zu lassen. Richter Muntschick wehrte ab: Er habe zwei Ärzte angerufen, die den Angeklagten zuletzt behandelt hatten: „Und ich konnte dabei keine Umstände erkennen, warum Sie nicht kommen können sollten…“

Die Familie des Angeklagten hat mehrere Jahre in Eldagsen gelebt. Der 57-Jährige und seine Frau sind mittlerweile geschieden. Er lebt mit der gemeinsamen Tochter in einer anderen Stadt. So wie er verweigern auch die Frau und die Tochter ihre Aussagen vor Gericht – vermutlich aus Angst, sich selber zu belasten. Angeklagt ist allerdings nur der 57-Jährige.

Der 25-jährige Ex-Freund der Tochter tritt als Hauptbelastungszeuge auf. Er gab offen zu, dass seine Anzeige ein Racheakt gewesen sei – der ihm am nächsten Morgen bitter leid getan habe. Schließlich habe ihn die Eldagser Familie wie einen eigenen Sohn behandelt.

Er habe deshalb nach dem Polizei-Anruf seine Mutter um Hilfe gebeten. Die Münderanerin warnte daraufhin den Vater der Ex-Freundin. Sie riet ihm: „Was auch immer da im Keller ist. Du musst es schnell wegschaffen.“ Zumindest zum Teil gelang ihm das.

Der Vater habe in dem Telefonat ihren Sohn bedroht, sagt die Münderanerin. „Ich übernehme keine Verantwortung dafür, was die Leute aus Hannover mit Deinem Sohn machen werden.“

Der erste Verhandlungstag drehte sich um zahlreiche Details. Aussagen mussten der 25-jährige Ex-Freund und seine Mutter. Sie sollten sich erinnern, wie häufig die Hartz-IV-Familie essen und einkaufen gegangen ist oder Ausflüge unternommen hat. „Die haben Sachen gemacht, die wir uns nicht leisten konnten, obwohl wir beide arbeiten“, meinte die Mutter. Ihr Sohn habe einmal gesagt: „Die haben bestimmt im Lotto gewonnen oder richtig viel geerbt.“

Die Verhandlung wird am 29. Oktober um 9 Uhr im Springer Amtsgericht fortgesetzt. Für den November sind zwei weitere Termine anberaumt. Es müssen noch mindestens zwölf Zeugen gehört werden. Wegen der Schwere der Tat soll das Urteil von einem Schöffengericht gefällt werden.

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