weather-image
Fall von sexueller Nötigung beschäftigt Gericht: Wie glaubwürdig ist das mutmaßliche Opfer?

„Plötzlich sah er im Gesicht ganz anders aus“

Springe (ric). Hat ein 28-Jähriger versucht, seine Ex-Freundin mit Gewalt zum Geschlechtsverkehr zu zwingen? Der brisante Fall einer möglichen sexuellen Nötigung beschäftigt seit gestern das Springer Amtsgericht.


Die Tat soll sich nach Angaben der 24-Jährigen, die als Nebenklägerin auftritt, am Abend des 3. Februar ereignet haben. „Ich habe ihm mehrfach gesagt, dass ich nicht wollte – er bettelte mich immer wieder an“, berichtet die Springerin. Mit zittriger Stimme erzählt sie den Schöffen und Richterin Pamela Ziehn, was aus ihrer Sicht dann folgte: Ihr Exfreund habe sie am Arm gepackt, sich auf sie gesetzt und versucht, ihre Hose aufzumachen. Er habe sie ins Sofa gedrückt und durch die Kleidung in intimen Bereichen angefasst. „Er sah plötzlich im Gesicht ganz anders aus, war wütend.“ Und weiter: „Ich hab ihn angeschrien, um mich getreten. Er machte mir Angst.“ Erst nach wiederholten unsittlichen Annäherungsversuchen und der Drohung, mit dem gezückten Handy die Polizei anzurufen, habe er endlich von ihr abgelassen – nach etwa einer halben Stunde. Zum Sex sei es nicht gekommen. Er habe dann seine Sachen genommen und ihre Wohnung verlassen.

Zunächst sagte der Angeklagte nichts zu den Vorwürfen, wartete offenbar die Version der Springerin ab und beriet sich mit seinem Verteidiger, bis er dann in einer umfangreichen Darstellung die Vorwürfe dementierte. Der Mann stammt nicht aus Springe, sondern wohnt rund 100 Kilometer entfernt. Kennengelernt hatte er die alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter über das Internetportal „goolive“, ein soziales, regionales Netzwerk. Nach nur drei Monaten war die Beziehung beendet – eine räumliche Trennung bedeutete das allerdings nicht: Immer wieder hatte er bei ihr übernachten dürfen – weil er Probleme zuhause hatte, sagte sie: „Ich war nicht glücklich in der Beziehung, wir haben uns trotzdem gut verstanden.“ Und: Nach der Trennung hatten die beiden noch zweimal miteinander geschlafen, was beide bestätigten.

Der Anwalt des Angeklagten nahm das mutmaßliche Opfer stark ins Verhör, zweifelte dessen Glaubwürdigkeit an. Im Laufe der stundenlangen Verhandlung wurde deutlich, dass die sexuellen Praktiken des Paares in der Vergangenheit manchmal etwas heftiger waren. Dennoch: Für die junge Frau sei das Erlebnis „das Schlimmste gewesen, was mir je in meinem Leben passiert ist.“ Noch heute habe sie Albträume, leide unter Gewichtsverlust und ging die erste Zeit nach dem Vorfall nie allein vor die Tür. Im Beisein ihrer Mutter hatte sie am Tag nach dem Vorfall Anzeige bei der Polizei erstattet.

Möglich, dass wie im Kachelmann-Fall ein psychologisches Gutachten angefordert wird. Dann würde der Fall wohl auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Sexuelle Nötigung ist ein Verbrechen, das mindestens ein Jahr Freiheitsstrafe bedeutet. Die Verhandlung wird zunächst im Dezember fortgesetzt.



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt