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Otto-Hahn-Gymnasium veröffentlicht Inklusions-Ratgeber

SPRINGE. Inklusion am Gymnasium – wie kann das funktionieren? Mit der Frage haben sich auch Schulleiterin Kerstin Prietzel und erfahrene Lehrkräfte des Otto-Hahn-Gymnasiums (OHG) beschäftigt – und nun das gleichnamige Buch herausgebracht, das im Cornelsen-Verlag erschienen ist.

Henriette Habitz (von links), Martina Garen, Roman Haak, Anja Sonnleitner, Kerstin Prietzel und Jürgen Bock gehören zu dem zehnköpfigen Autorenteam, das an dem Buch „Inklusion am Gymnasium“ beteiligt ist. FotoS: Hermes
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Sandra Hermes Redakteurin zur Autorenseite

„Es gibt einfach noch zu viele Menschen, die der Meinung sind, Inklusion gehöre nicht ans Gymnasium“, sagt die Schulleiterin. „Natürlich muss man sich mit der Frage beschäftigen, wie Inklusion in einer Schulform funktionieren kann, die sich dem Leistungsprinzip verschrieben hat“, stellt Prietzel klar. Sie wisse auch, dass es Gymnasiallehrer gebe, die sich für das Thema schlicht nicht zuständig fühlten. „Zum Glück aber nicht bei uns am OHG. Denn wenn es um Teilhabe an der Gesellschaft geht, darf sich das Gymnasium nicht der Verantwortung entziehen“, betont die Schulleiterin. Am Otto-Hahn-Gymnasium mischen sich vier Kinder mit einer Lernbehinderung unter die Schüler. „Von den Gymnasialeltern kam nicht ein einziger Protest. Einige von ihnen kannten das gemeinsame Lernen schon von der Grundschule“, erklärt Prietzel.

Das Problem bisher an deutschen Gymnasien: Für Förderschüler gibt es bislang kaum Schulbücher noch Arbeitsblätter. Die Lehrer müssen sich die Unterrichtsmodelle weitgehend selbst basteln, den gymnasialen Stoff radikal vereinfachen. „Dieses Problem haben wir erkannt“, sagt Studiendirektor Jürgen Bock. Er habe zuvor mit dem Herausgeber der Buchreihe gesprochen und die Idee dann ins Kollegium getragen. „Natürlich stand erst mal die Frage im Raum, ob wir so viel Öffentlichkeit wollen, aber letztlich haben wir uns dafür entschieden“, erklärt Bock. Immerhin sei es eine gute Möglichkeit, um die eigene Leistung im Team zu würdigen und Erfahrungen weiterzugeben. „Für uns ist das Buch ein Ratgeber für andere Schulen geworden – nah an der Praxis ohne abstrakte Theorien“, sagt Bock. Es werde nichts beschönigt, sie böten keine Universallösung an und stellten auch Hürden und Stolpersteine dar. „Wir bieten grundlegende didaktische Prinzipien zum Unterricht in inklusiven Klassen an Gymnasien an mit vielfältig einsetzbaren Methoden, Materialien und Spielen, die wir im Alltag erprobt und die sich bewährt haben.“

Mit im zehnköpfigen Autorenteam ist auch Martina Garen. Mit 14 Stunden in der Woche unterstützt sie das Otto-Hahn-Gymnasium. Den Rest der Zeit verbringt die Förderschullehrerin weiterhin an der Peter-Härtling-Schule in Bennigsen.

„Das Tolle an der Zusammenarbeit ist, dass so niemand in seiner eigenen Schulform bleibt. Die Themen vermischen sich, es findet eine gemeinsame Ideenentwicklung statt und jeder lernt von dem anderen“, berichtet Garen.

Besonders überrascht sei sie auch von den Gymnasialschülern. Zwar hätten sie schnell bemerkt, dass ein paar in der Klasse etwas anders seien als der Rest. Doch sie nähmen die Situation gelassen auf, sagt Garen. „Letztlich profitieren sie sogar von dem eher handlungsorientierten Lernen.“

Auch über einen weiteren Gewinn der Inklusion ist sich die Autorenrunde einig. „Man bekommt einen besseren Blick für den einzelnen Schüler“, sagt Jürgen Bock. Ihn habe das inklusive System noch mal neu für seinen Lehrerberuf motiviert. Dem kann Schulleiterin Kerstin Prietzel nur zustimmen. „Man bekommt einen neuen Blick auf die Dinge, man hinterfragt die Routine.“ Der Blick auf Schule werde wieder bunter. Sie hätten lernen müssen, Schule wieder „neu zu denken.“

Inklusion sorge für Vielfalt, sind sich alle Pädagogen einig. „Wir mussten erst mal wieder die gymnasiale Verkopfung aufbrechen“, sagt Prietzel. Vor zehn Jahren hätte es einen Kochkurs am Gymnasium nicht gegeben, „heute können Schüler so einen Kurs über das Wahlpflichtprogramm belegen.“

Nichtsdestotrotz geben alle Beteiligten zu, dass es eine erhebliche Mehrbelastung neben dem Schulalltag gewesen sei, das Buch zu verfassen. Daher steht auch noch nicht fest, ob es eine Fortsetzung geben wird. „Material hätten wir noch genug“, sagt Bock. „Wer weiß, in welcher Form wir das noch in die Öffentlichkeit tragen.“ Der Erlös des Buches fließt auf das Schulkonto, „wir wollen das Geld in neue Ausstattungen investieren“, sagt Schulleiterin Prietzel.

Studiendirektor Jürgen Bock wird das Buch „Inklusion am Gymnasium“ am Sonnabend auf der Bildungsmesse Didacta in Stuttgart vorstellen.

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