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Obdachlosigkeit: Warum immer mehr Springer betroffen sind

SPRINGE.Manchmal ist die Zukunft schon da, ehe wir ihr gewachsen sind: Für die, die hier einziehen, beginnt sie oft mit einer Räumungsklage. Und endet damit, dass ein Schlüssel in eines dieser nagelneu anmutenden Schlösser gleite. Ein Hausbesuch in der Obdachlosenunterkunft „Im Reite“.

Dach über dem Kopf: Vom Durchgang gelangen die Bewohner in den Innenhof. FOTOS: MISCHER
Mischer

Autor

Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Wer hier neu ankommt, geht zuerst durch den Gang, schmal und lichtlos ist er, mit jeweils fünf Türen auf der linken und fünf Türen auf der rechten Seite. Die Bewohner können darin ihre persönliche Habe, so sie denn so etwas haben, unterbringen. Hinter dem dunklen Korridor steht die Sonne cheddargelb über dem weißen Gebäude, heiß wie eine riesige Packung geschmolzenen Ofenkäses, der bald schon über den Innenhof, die Unterkunft und die ganze Stadt gekippt wird. Aber niemand kippt – und die Hitze bleibt.

„Wir versuchen zu helfen, die Obdachlosigkeit abzuwenden“, sagt Peter Wiedenbeck, Sozialarbeiter, bei der Stadt zuständig für die Fälle, die aus allen Normen fallen. Derzeit leben zehn Obdachlose in den Zimmern, wobei sie natürlich nur dann wirklich obdachlos wären, wenn sie nicht in den Zimmern leben könnten.

Im Innenhof: Mit seinen weißen Fassaden auf beiden Seiten, mit dem stets gleichen Abstand zwischen den Fenstern, lässt das Gebäude an eine Kaserne denken, die der Generalstab vor Jahrzehnten vergessen hat.

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Nicht besenrein: Die Bewohner sind selbst für die Sauberkeit der Räume zuständig.
  • Nicht besenrein: Die Bewohner sind selbst für die Sauberkeit der Räume zuständig.

Die Sonne ist so hell, dass sich die Augen einen Moment daran gewöhnen müssen. Auf der rechten Seite spielen Kinder, rechts steht ein Grill, in der Mitte eine Sitzgruppe mit zwei Bänken und einem Tisch aus Holz, auf der linken Seite ein schwarzer Diwan und ein kaputtes Kinderspielhaus aus Kunststoff.

Für die meisten Obdachlosen, die hier leben, hat alles mit einer Räumungsklage angefangen. Die haben sie erhalten, weil sie entweder ihre Miete mehrfach nicht bezahlten oder weil sie die Wohnung haben verwahrlosen lassen. Udo Helms weiß allerdings, dass es bis zur Räumungsklage ein langer Weg ist. „Zuerst gibt es Abmahnungen vom Vermieter, dann folgt eine fristlose Kündigung, die dann, wenn ihr nicht nachgekommen wird, zum Amtsgericht geht“, sagt er. Und vom Gericht geht eine Nachricht auch an die Stadt.

Bereits weit vor dem Zeitpunkt gebe es zahlreiche Hilfsangebote: von Stadt, Region und anderen Stellen, die helfen könnten, das Unvermeidliche zu verhindern. „Wenn trotzdem die Obdachlosigkeit droht, hat der Betroffene die Hilfe nicht angenommen – und sich nicht gekümmert“, sagt Helms.

Ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett ein Schrank und eine Heizung: Mehr gibt es nicht, in dieser Not-Wohnung in der Unterkunft. Die Räume teilen sich aktuell Flüchtlinge und Obdachlose. Ein Zimmer ist stets für Obdachlose reserviert, jeden Tag. Derzeit leben zehn Menschen, die ihre Wohnung in der Stadt verloren haben, in dem Haus. Tendenz steigend.

Einer der Bewohner hatte sich kürzlich bei der Neuen Deister-Zeitung über „mangelnde hygienische Verhältnisse“ in dem Gebäude beklagt. Dass der Fußboden nicht besenrein ist, räumt Helms ein. Stellt aber klar, dass die Stadt eben die Räume zur Verfügung stelle, die Bewohner aber für Sauberkeit und Hygiene verantwortlich seien – wie in ihrer eigenen Wohnung auch, wenn sie denn eine hätten.

„Der Gesetzgeber hat beschlossen, dass Kommunen eine Notunterkunft einrichten müssen, um eine drohende Obdachlosigkeit zu verhindern“, erklärt Helms die Rechtslage. Auch wer in einer schwierigen finanziellen Lage ist, hat in Deutschland Anspruch auf eine eigene Sozialwohnung – und muss nicht in der Obdachlosenunterkunft leben. Um das Recht in Anspruch nehmen zu können, sind Behördengänge nötig – und Eigenverantwortung. Das gestaltet sich für immer mehr Menschen zu einer Hürde.

„Wir können nur da helfen, wo Hilfe auch gewünscht ist“, sagt der städtische Sozialarbeiter Wiedenbeck. „Es kommt vor, dass Wohnungslose freiwillig die Obdachlosigkeit wählen, die wollen es dann eben so“, ergänzt Helms. Sie leben dann, statt in der Unterkunft, lieber draußen, zwischen irgendwo und nirgendwo. Wiedenbeck setzt, damit es nicht so weit kommt, vor der Zwangsräumung auf direkte Ansprachen der Betroffenen. Seine Erfahrung ist, dass Briefe häufig ohnehin nicht mehr geöffnet würden. Um Betroffene dazu zu bewegen, nach einer Kündigung eine neue Wohnung zu suchen, klopft er meist einfach bei ihnen an. Und redet mit ihnen darüber, wie sich Mietschulden abzahlen lassen – unter anderem kann die Stadt auch ein zinsloses Darlehen gewähren. „Ich spreche auch darüber, wie es zu der Situation gekommen ist.“

Rund 20 Zwangsräumungen gibt es in Springe pro Jahr, eine Räumungsklage bekommen Menschen aller Alters- und Bevölkerungsschichten. Helms: „Nicht jeder, der davon betroffenen ist, kommt am Ende ins Obdachlosenheim.“ Viele schafften es, doch noch, mithilfe der Stadt eine Wohnung zu finden, oder sie ziehen bei Verwandten oder Bekannten ein.

Die Verweildauer der Bewohner im Heim ist unterschiedlich: Manche schaffen den Absprung binnen weniger Monate. Helms: „Die kümmern sich dann wirklich. Aber es gibt auch andere, die mit den Bedingungen hier zufrieden sind.“

Die bleiben dann ein halbes Jahr – oder wollen gar nicht mehr weg. Das ist für die Stadt ein Problem: Sie darf die Bewohner nicht einfach hinauswerfen, wenn die dann obdachlos wären. In dem Fall leisten Stadt-Mitarbeiter Entwicklungshilfe, ziehen gegebenenfalls Experten anderer Behörden, etwa der Region, zu Rate.

Wiedenbeck weiß, dass eine Obdachlosigkeit nicht vom Himmel fällt. „Oft gingen ihr Schicksalsschläge voraus.“ Etwa Scheidungen, Todesfälle – oder schlicht Überforderung. Nicht selten sei auch Alkoholmissbrauch im Spiel. Helms: „Das ist oft eine Entwicklung über viele Jahre.“

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