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Die gebürtige Springerin Petra Groß kämpft mit prominenter Unterstützung für die Rechte Behinderter

Nicht jeder hat die Wahl

Springe/München. Morgen in vier Wochen ist Bundestagswahl. Während die Stimmabgabe für die meisten Wähler eine unkomplizierte Sache von wenigen Minuten ist, sehen sich viele behinderte Menschen vor große Probleme gestellt. Zahlreiche Wahllokale sind noch immer nicht barrierefrei. Das hat jetzt ein von der Aktion Mensch initiierter Praxistest ergeben. Ein Team aus drei Behinderten mit ganz unterschiedlichen Handicaps hat sich dazu bis gestern in fünf deutschen Städten umgesehen. Zu den Wahllokal-Testern gehörte auch die gebürtige Springerin Petra Groß.

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Autor:

Marc Fügmann

Ist der Zugang rollstuhlgerecht? Sind Unterlagen für sehbehinderte und blinde Personen vorhanden? Werden Informationen in „Leichter Sprache“ angeboten? Petra Groß, Raul Krauthausen und Michael Wahl haben es genau wissen wollen. Nicht anprangern, sondern auf Missstände aufmerksam machen – das war die Idee ihrer Mission.

Begonnen haben sie ihre Tour in Berlin. Weitere Stationen waren Hamburg, Köln und Kassel – zum Schluss stand gestern ein Abstecher nach München auf dem Programm. Für die Rundreise hatte die Aktion Mensch ihren drei Testern einen prominenten Busfahrer zur Seite gestellt: den Schlagersänger, Entertainer und Ex-Grand-Prix-Teilnehmer Guildo Horn. Was viele nicht wissen: Der bekennende Nussecken-Liebhaber absolvierte nach dem Abitur zunächst ein soziales Jahr in einer Lebenshilfe-Werkstatt für Menschen mit geistigen Behinderungen und arbeitete nach seinem Pädagogik-Studium als Musiktherapeut bei der Lebenshilfe in Trier.

„In vielen Wahllokalen fehlen Orientierungshilfen für Blinde oder Menschen mit Sehbehinderungen. Andere sind wegen Treppenstufen oder zu schmaler Eingänge für Rollstuhlfahrer nicht zugänglich. Bei wieder anderen ist der Tisch unter der Wahlurne so tief, dass man mit einem Rollstuhl nicht darunterfahren kann“, berichtet Petra Groß von ihren Erfahrungen.

Die 47-Jährige selbst hat von Geburt an eine Lernbehinderung. Seit Jahren gilt sie als engagierte Streiterin für die sogenannte Leichte Sprache – eine besonders verständlich formulierte Ausdrucksweise, die das Verstehen von Texten vereinfacht. Gedacht für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen über eine geringe Sprachkompetenz verfügen.

Groß wurde in Springe geboren, besuchte hier eine Förderschule – die heutige Peter-Härtling-Schule in Bennigsen. Bis zu ihrem 23. Lebensjahr blieb sie in der Deisterstadt, wo noch heute ihr Bruder Dieter Neumann lebt. Inzwischen wohnt sie in Kassel, engagiert sich dort seit Langem in verschiedenen Vereinen und Organisationen für die Rechte Behinderter. Mit vielfältigen Aktionen und Vorträgen hat sie sich vor allem immer wieder für eine leichte Sprache eingesetzt. So hat sie in Kassel einen Antrag für das Stadtparlament für Informationen in leichter Sprache entworfen, der auch verabschiedet wurde. 2007 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.

Durch den Bruder ist der Kontakt nach Springe nie abgerissen. In ihrer Kindheit und Jugend sei das Bewusstsein für die Sorgen und Nöte Behinderter noch nicht so ausgeprägt gewesen wie heute, erinnert sich Groß. „Es gab auch mehr Berührungsängste.“ Doch auch heute sei noch viel Aufklärungsarbeit nötig, ist sie überzeugt – ein Thema, das ihr besonders am Herzen liegt. Vor ein paar Jahren habe sie sogar einmal persönlich Kontakt zu Bürgermeister Jörg-Roger Hische aufgenommen, um anlässlich eines Stadtfests auf einem Info-Stand der Springer Lebenshilfe über „Leichte Sprache“ zu informieren. Hische habe dem damals wenig Aufmerksamkeit und Interesse geschenkt. „Ich hatte den Eindruck, dass er noch einiges darüber lernen muss“, sagt Petra Groß. Dass der Bürgermeister vorgestern der Springer Lebenshilfe einen Besuch abgestattet hat, sei da sicher ein gutes Zeichen, freut sie sich.

Nach dem Ende der Test-Mission reiste sie gestern Nachmittag zurück nach Kassel – diesmal ohne Guildo Horn. „Sehr schade“, bedauert die 47-Jährige und schwärmt: „Guildo ist ein super Typ. Den hätte ich gern immer als meinen Fahrer…“



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