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Debatte über Sohnreyweg geht weiter

„Nicht automatisch ein Nazi“

Springe (zett). Braucht der Sohnreyweg einen neuen Namen? Nach dem NDZ-Bericht über die nationalsozialistischen Äußerungen des Heimatdichters Heinrich Sohnrey macht sich die Politik Gedanken über eine Umbenennung. Fest steht: Ortsbürgermeister Carsten Marock will das Thema auf die Tagesordnung der nächsten Ortsratssitzung am 15. Februar heben – und vorher mit den betroffenen Anwohnern sprechen.

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„Meine persönliche Einschätzung ist, dass der Name schwer zu halten sein wird, wenn sich die Vorwürfe so bestätigen“, sagt Marock. Wie berichtet rücken die Nachforschungen eines Göttinger Naturwissenschaftlers den Dichter Sohnrey in die Nähe nationalsozialistischer Ideologie. Er habe die Rassentheorie der Nazis maßgeblich beeinflusst, heißt es; Zigeuner und Polen als „minderwertige Rassen“ bezeichnet.

In den 60er-Jahren benannte Springe einen kleinen Weg im Nordwesten nach dem niedersächsischen Literaten – und muss sich jetzt wie zahlreiche andere Städte der Diskussion stellen. Gerade erst hatte der Göttinger Kreistag beschlossen, der Heinrich-Sohnrey-Realschule in Hann. Münden ihren Namen zu entziehen. In Rinteln und Hannover gibt es ebenfalls Straßen, die nach Sohnrey benannt wurden – und Debatten darüber, dies zu ändern.

Springes Ortsratsmitglied Uwe Mügge (Grüne) will sich vor einer Entscheidung in jedem Fall bei anderen betroffenen Kommunen und Kreisen schlau machen: „Wenn sich die Vorwürfe als richtig herausstellen, habe ich meine Probleme mit dem jetzigen Namen“, sagt er. Für ihn stünde dann auch die positive Außenwirkung Springes auf dem Spiel – ähnlich wie bei der Wiederaufstellung des Benna-Denkmals, gegen die sich Mügge im Ortsrat deutlich ausgesprochen hatte.

Dass eine solche Umbenennung für die Anwohner unpraktisch sein könnte, spielt für ihn dabei nur eine untergeordnete Rolle: „Sicher ist das nicht einfach. Aber das muss im Zweifelsfall hinten anstehen.“ Mit dieser Einstellung stößt er zumindest bei CDU-Fraktionssprecherin Carola Bloms auf Zustimmung: „Wenn das wirklich so ist, dann würde ich auch gar nicht mehr in so einer Straße wohnen wollen“, sagt sie. Auch die Anwohner müssten sich daher mit dem Thema auseinandersetzen. Es gelte nun, die Vorwürfe gegen Sohnrey „genau abzuwägen“.

Inzwischen hat sich auch die Heinrich-Sohnrey-Gesellschaft zu Wort gemeldet. Der Verein kümmert sich um das künstlerische Erbe des Dichters. Der Vorsitzende Hubertus Menke räumt in einer Stellungnahme zwar ein, es habe in Sohnreys „Veröffentlichungen und Nachdrucken zwischen 1933 und 1945 eindeutig antisemitische Sätze und sonstige ‚Gleichschaltungszitate‘“ gegeben. Man habe „diese Tatsache nie verschwiegen“ – sich jedoch stets um Ursachenforschung für Sohnreys Formulierungen bemüht. Der Schriftsteller sei „nicht automatisch ein Nazi“. Um ihn zu bewerten, müsse man sein gesamtes Werk und Leben betrachten, mahnt Menke. Die neue wissenschaftliche Arbeit über Sohnrey sei „ein Urteilsspruch ohne Verhandlung“.



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