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Mord: Gabi Stief und Hans-Peter Wiechers lesen in Völksen

VÖLKSEN. „Unsere Autorinnen und Autoren lesen zwar in den Metropolen, selten aber hier in Völksen. Das wollen wir ändern“, sagt Verleger Dietrich zu Klampen. Mit dem Verein „Kunst und Begegnung“ auf dem Hermannshof will zu Klampen die literarische Szene stärker ins ländliche Völksen bringen.

Politikredakteurin Gabi Stief und Gerichtsreporter Hans-Peter Wiechers zu Gast auf dem Hermannshof in Völksen. FOTO: HUPPERT

Autor

Christoph Huppert Reporter

„Verlag im Park“, so lautet der Titel der Reihe, zu deren Beginn zu Klampen mit dem hannoverschen Journalisten-Ehepaar Gabi Stief und Hans-Peter Wiechers gleich zwei Koryphäen ihrer Zunft aufbieten konnte.

Was die in ihrer „Reportage mit literarischen Mitteln“ im proppenvollen Vortragsraum vorstellten, jagte den Zuhörern eiskalte Schauer über den Rücken. „Ja, sie war eine tragische Gestalt“, so die Trägerin des renommierten Theodor-Wolff-Preises, Gabi Stief, über die Internistin und Krebsärztin Mechthild Bach. Wurde die Medizinerin in acht zermürbenden Jahren in mehreren Prozessen voller Vorverurteilungen, fragwürdigen Gutachter, übereifrigen Krankenkassen-Ermittlers, dem ungerechtfertigten Entzug ihrer Approbation und einer beispiellosen Kampagne nicht nur der Boulevardpresse letztlich in den Selbstmord getrieben?

Politikredakteurin Stief und der erfahrene Gerichtsreporter Wiechers haben jahrelang intensiv und sorgfältig recherchiert, haben den Leidensweg der Ärztin, die sich 2011 nach Ausweitung der Anklage auf Mord mit einer Überdosis Morphium das Leben nahm, zum Anlass für ein beklemmendes und erschütterndes Zeitbild der Medien- und Rechtslandschaft des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts genommen.

Da stehen sich die Fragen gegenüber, ob Mechthild Bach in der sich erst allmählich und gegen Widerstände entwickelnden Palliativmedizin die Leiden „austherapierten“ Patienten lindern wollte, mithin indirekte Sterbehilfe für Todkranke gab, oder zumindest fahrlässig tötete. Schlichtweg skandalös erscheinen dabei die Inkompetenzen von beteiligten Juristen, übereifriger Ermittler des Medizinischen Dienstes, die viel zu langsamen und äußerst kostspieligen Gutachten, die sich widersprachen und vor der Einsichtnahme durch die Journalisten im Reißwolf landeten; skandalös auch das Verhalten der „Götter in Schwarz“ der hannoverschen Justiz, die die Anklage, warum auch immer, letztlich auf „Mord aus Gewinnstreben“ ausweiteten.

„Das ist ein Blick in eine Zeit, in der im Kampf gegen den Tod noch kein Platz war für ein Sterben in Würde“, sagt Stief. Auch die „Götter in Weiß“ blieben angesichts von selbstherrlichen Gutachtern und profilierungssüchtigen Krankenkassen-Managern ebenso hilf- wie ratlos wie eine offensichtlich restlos überforderte Justiz. Und auch Vertreter der schreibenden Zunft tragen ihren Anteil am tragischen Schicksal der Mechthild Bach.

Stief und Wiechers gelingt eine ebenso spannende wie erregende Reportage. Am Ende Betroffenheit und Wut bei den Zuhörern, deren einziger Trost Stiefs Versicherung blieb, dass sich derlei heute nach der Fortentwicklung und Etablierung der Palliativmedizin wohl nicht mehr wiederholen könne. Dennoch lassen auch jüngste Stellungnahmen und Kommentare aus hannoverschen Juristenkreisen auf die Neuerscheinung deutlich werden, dass die Grundhaltung im Medien- und Rechtswesen noch immer ähnliche, besorgniserregende Einstellungen aufweist. Kein Grund zur Entwarnung also.



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