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Mehr als zehn verschiedene Orchideen-Arten blühen im Deister

SPRINGE. Mit diesen Schönheiten könnte Springe für sich werben. „Wir haben uns aber dagegen entschieden. Bewusst“, sagt Stadtförster Bernd Gallas. „Auf Dauer hätte das keine Vorteile für uns…“ Die zahlreichen Orchideen, die im Stadtwald wachsen, zeigt er nur ausgewählten Personengruppen.

Für viele die Königin der Blumen: Es gibt Orchideen, die in Springe heimisch sind. Naturschutzbund-Mitglied Karl Haverkamp hilft, die Bestände zu kartieren. Foto: Scheffler
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Marita Scheffler Redakteurin zur Autorenseite

Mehr als 5000 blühende Pflanzen gibt es in guten Jahren auf dem Springer Boden im und am Deister.

Die Augen des 91-jährigen Karl Haverkamp durchkämmen aufmerksam das Gras. „Da!“, ruft er nach wenigen Metern. „Ein Vogel-Nestwurz.“ Trotz seines Alters gehört Haverkamp zu den aktivsten Mitgliedern des Springer Naturschutzbundes. Er hilft seit Jahrzehnten, die Orchideen-Bestände in Springe zu kartieren. Bei der Wanderung, zu der er mit Stadtförster Gallas aufgebrochen ist, wird er immer wieder stoppen, Sätze wie „Das ist ein ganz schönes Exemplar!“ sagen, Erklärungen und lateinische Bezeichnungen liefern - und mit Fachwissen glänzen.

Gallas ist seit seiner Forst-Ausbildung in den 80er Jahren ein Orchideen-Freund. Ihn faszinieren jedoch nicht die edlen, luxuriösen Arten, die es in Blumenläden und Gartencentern gibt. Es sind die eher unscheinbaren Pflanzen, die sich auf teils wundersame Weise ihren Platz in der freien Natur erkämpfen, „und an denen die meisten Spaziergänger einfach so vorbeilaufen, weil sie sie nicht erkennen“. Der Naturschutzbeauftragter der Region Hannover ist überzeugt: „Wenn man das erste Mal eine heimische Orchidee findet und in einem Bestimmungsbuch nachschlägt, kann man eine Sucht dafür entwickeln.“

Jede der Orchideen, die im Deister wachsen, ist streng geschützt. Das Pflücken ist verboten, das Ausgraben sowieso. „Trotzdem gibt es Leute, die das versuchen“, weiß Gallas. Nach den wenigen Führungen, die er oder auch der Naturschutzbund Springe anbieten, sei es schon vorgekommen, dass gezeigte Exemplare verschwanden. „Man sah nur noch: Da hat jemand gebuddelt.“ Gallas ärgern solche Fälle – und er weiß, dass auch der Dieb nicht glücklich wird: „Die Pflanzen gehen im Garten ein. Da hat man fast keine Chance.“ Die Orchideen lieben im Deister – vor allem im Steinbruch – die kargen, basischen Böden und das viele Licht. Was dort prächtig gedeiht, kommt in einem nährstoffreichen Gartenbeet nicht zurecht.

Haverkamp und Gallas setzen ihre Wanderung vor und listen den Breit- sowie den Kleinblättrigen Stendelwurz, das gefleckte Knabenkraut, den Rotbraunen Sitter, die Mücken-Händelwurz und das Weiße Waldvöglein auf. Sie zeigen Bissspuren von Rehen an mehreren Stängeln („Denen hat’s hier offenbar geschmeckt“) und vermissen das Purpur-Knabenkraut, das vor zwei Jahren noch an einer bestimmten Stelle auftauchte. Hinter einer Biegung freuen sie sich über die Begegnung mit der grünlichen Waldhyazinthe und erzählen vom Schwertblättrigen Waldvöglein und dem Zweiblatt, die ebenfalls im Stadtgebiet vorkommen.

Für den Vorsitzenden des niedersächsischen Arbeitskreises „Heimische Orchideen“, Wolfgang Stern, ist Springe eine Schatzkiste. Wobei: Die Orchideen-Saison 2018 sei „recht schlecht bis ganz schlecht“ gewesen, stellt der Hannoveraner klar: „Dieses Jahr können wir abschreiben.“ Das liege an der Trockenheit: „Keine Angst, das wird im nächsten Jahr wieder anders. Auch die, die jetzt fehlen oder verkümmert sind, kommen dann zurück.“

Herausragend seien auf dem Gebiet der Deisterstadt die sehr schönen Bestände des Vogel-Nestwurzes – in so großen Gruppen kommt die Art sonst kaum vor – und die Existenz der Gelben Bienen-Ragwurz: „Die gibt es in Niedersachsen nur an zwei Stellen.“ Stern ist dem Springer Ski-Club dankbar, dass der den Hang am Lichten Tal in regelmäßigen Abständen ehrenamtlich mäht. Das verbessere die Standortbedingungen der dortigen Orchideen eindeutig.

Ein Glücksgriff sei aus heutiger Sicht auch, dass der Stadt nach der Stilllegung des Steinbruchs in den 60er Jahren das Geld für eine Renaturierung fehlte. Stern: „Solche aufgelassenen Gelände sind Gold wert.“ Ganz sich selbst überlassen dürfe man das Gebiet aber nicht: Büsche und Bäume müssen alle paar Jahre entfernt werden, „damit nicht alles zuwächst“.

Natürliche Orchideen-Vorkommen gibt es in Springe nicht nur im Deister. Stern kann von einem Ehepaar erzählen, das in der Kernstadt in Bahnhofsnähe wohnt und vor Jahren auf einer kleinen Wiese hinterm Haus zufällig einen Breitblättrigen Fingerwurz entdeckte. Zu den Tipps, die der Orchideen-Experte dem Paar gab, gehörte vor allem dieser: „Erfreuen sie sich an der Schönheit!“ Später sei auf dem Grundstück auch noch die Pyramiden-Hinz-Wurz aufgetaucht, die vor Jahrzehnten im Stadtforst üblich war.

Nicht sicher sind sich die Fachleute, seit wann Springe ein Orchideen-Eldorado ist. Gab es die kleinen Blüh-Wunder schon vor Jahrhunderten? Haverkamps Vater, ein Biologielehrer, arbeitete in den Jahren 1919 bis 1924 in Springe und sammelte Versteinerungen. Er habe ihm später viel von seinen damaligen Entdeckungen erzählt, sagt Karl Haverkamp: „Aber über Orchideen fiel kein einziges Wort.“



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