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Wie sich das Leben in den Kleingärten verändert

Mehr allein, weniger gemeinsam

Springe. Die Karten fliegen auf den Tisch. Es wird gereizt, geflucht, gescherzt – eine Szene, die sich im Springer Kleingartenverein immer seltener abspielt, denn: Die Welt der grünen Oasen in der Stadt verändert sich stark. Die NDZ wagt den Blick hinter den Gartenzaun.

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Autor:

Markus Richter

Brachliegende Grundstücke, Leerstand, der Ebbe in der Vereinskasse bedeutet – ein Teufelskreis, mit dem viele Vereine zu kämpfen haben. Betroffen davon ist etwa der Klub in Bennigsen, in dem es jüngst heftigen Streit gab (NDZ berichtete). In der Kernstadt ist das Klima milder, wenngleich die Ehrenamtlichen den deutlichen Trend hin zur Individualisierung und weg vom klassischen Gemeinschaftsgedanken verspüren. „Wenn sich junge Leute einen Kleingarten mieten, sind sie anfangs euphorisch“, hat Horst Hampe aus dem Vorstand festgestellt. Neue Mieter würden dann aber „oft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt“. Die Freizeit im Mini-Idyll – sie hat wenige mit den Geschichten zu tun, die im Fernsehen klischeebelastet erzählt werden.

Den Altersdurchschnitt senken in Springe vor allem Familien mit Migrationshintergrund, die ihr Stück Grün beackern. Obwohl sie ihren Garten inmitten vieler anderer haben, sind sie oft isoliert, hat Hampe festgestellt. „Die Bereitschaft zur Beteiligung am Vereinsleben ist bei ihnen gering“, formuliert der Schriftführer. Immerhin: Der Trend zum eigenen kleinen Paradies, er steigt langsam, aber kontinuierlich in der Kernstadt. Die 200 Mitglieder und das Vereinsleben zu koordinieren, sei jedoch ein Kraftakt, der nur mit engagierten Ehrenamtlichen funktioniere. Das stehe und falle mit einem harten Kern von Idealisten. „Wir sind froh, dass wir in Peter Ettel einen Vorsitzenden haben, der mit Leib und Seele hinter dahintersteht“, sagt Hampe. Ettel meistere oft die unangenehme Aufgabe, die Mieter zu animieren und „unter Druck zu setzen“, damit sie ihren gemeinschaftlichen Pflichten nachkommen. „Von alleine kommt keiner.“

Die Geselligkeit, sie nimmt auch im Vereinsleben und nicht nur bei den Arbeitseinsätzen ab. Ein Beispiel: Vor einiger Zeit leistete sich der Klub eine Satellitenschüssel zum gemeinsamen Fernsehen. Knapp 20 Fußballfans schauten sich anfangs gemeinsam ein Spiel an. „Leider wurde das immer weniger“, bedauert Hampe. Auch die Vereinsfreundschaft mit den Kleingärtnern aus Bennigsen, die einst blühte, ist eingeschlafen. Es gibt praktisch keine gegenseitigen Besuche mehr, wie sie vor einiger Zeit noch üblich waren. Schwierig ist es offenbar auch, besondere Projekte umzusetzen: So scheiterte zunächst ein Versuch, einen Schulgarten für Kinder anzulegen. Dann kamen jedoch einige Eltern und wollten die Aufgabe übernehmen. Was Hampe und seine Vorstandskollegen sogleich zu hören bekamen, gefiel ihnen allerdings gar nicht: „Sie wollten wissen, wie oft bei uns gefeiert werden kann“ – es war die falsche Frage. Wilde Partys und laute Musik sind im Kleingartenverein schließlich nicht erwünscht. „Wir haben kleine Inseln der Erholung – und so soll es auch bleiben.“

Damit trotzdem „kontrolliert“ gefeiert werden darf, vermietet der Verein sein Klubheim am Sonnenblumenweg. Weil Alternativen im Stadtgebiet Mangelware sind und das Haus überdies modern ausgestattet ist, sei die Nachfrage hoch. Von den Einnahmen deckt der Klub die Kosten der Immobilie. Und investiert den einen oder anderen Euro in ihre Instandhaltung.

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