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In Springe werden bis zu 500 demolierte Autos untersucht

Marathon der Gutachter

Springe. Wurstbrötchen, Kaffee, Gummibärchen – es wirkt fast, als habe Thomas Toloui das Catering für eine Familienfeier bestellt. Dabei versucht der Geschäftsführer von Lack plus, es seinen Kunden nur so angenehm wie möglich zu machen. Denn während die warten, geht es ihren vierrädrigen Lieblingen zu Leibe. Ein Krisenstab aus Gutachtern, Sachverständigen, Versicherungsleuten und Reparaturprofis ist im Einsatz, um den wahrscheinlich größten Werkstattmarathon zu bewältigen, den Springe je gesehen hat.

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Autor:

Markus Richter

Seit gestern rollt die Flotte von Fahrzeugen aus der näheren und weiteren Umgebung in der Fachwerkstatt am Rande des Industriegebiets an. Sie alle wurden beim Unwetter Ende Juli demoliert. „Mit einigen kann man definitiv nicht mehr fahren“, sagt Toloui. Faustgroße Hagelkörner haben massive Schäden verursacht. Mindestens 340 Wagen werden in zwei Wochen durch den Gutachtertunnel geschleust – und das sind nur die bislang angemeldeten. Harald Meine vom gleichnamigen LVW-Versicherungsbüro sagt, die Tendenz gehe eher zu 500. Ein Mann aus Eimbeckhausen fährt mit seinem Suzuki vor. „Der stand bei dem Gewitter auf der Straße…“. Demoliert ist auch das Auto seiner Frau. „Das bringe ich dann morgen.“ Obwohl Springe vom Horrorhagel verschont geblieben war, reihen sich die Fahrzeuge aneinander: Sie kommen aus dem Raum Bad Münder, Barsinghausen und Wennigsen.

Meine verspricht, den Geschädigten sofort zu helfen, „ohne große Bürokratie“. So könne der Kunde den Wagen sofort in der Werkstatt lassen. Für diesen Fall orderte Lack-plus-Chef Toloui erstmal 20 Leihwagen, die für die Zeit der Reparatur kostenlos genutzt werden können. Mit einem Transporter aus Wiesbaden kommt gestern Mittag eine ganze Flotte vorgefahren. Die Straße ist zugeparkt, es wird eng. Hagelschäden werden von der Teilkasko abgedeckt. Eine Verpflichtung, nach der Begutachtung die Schäden auch vor Ort ausbügeln zu lassen, besteht indes nicht. Und manchmal lohnt sich das auch gar nicht: Meines Mitarbeiter stellen im Totalschadensfall sofort Schecks aus – wenn nichts mehr zu retten ist. Gestern machten die ersten Kunden davon Gebrauch.

Gutachter Thomas Rode und seine Kollegen arbeiten im Akkord. „Wir machen im Moment gar nichts anderes mehr.“ Systematisch umrunden sie das Auto, von vorne rechts einmal herum bis zum Dach. Dort und auf den Motorhauben entdecken sie die größten Dellen. Den Haltern bleibt kaum etwas anderes übrig, als zu einer dieser Sammelstellen zu fahren. Rode sagt: „Ein privater Termin dauert rund sechs Wochen.“

Robert Schwarz ist momentan einer der gefragtesten Fachleute in Deutschland. Der Rostocker ist „Dellendrücker“, er beult aus, ohne den Lack zu beschädigen. Im Laufe der Woche wird er von zwei Kollegen in Springe unterstützt: Einer kommt aus den USA, der andere aus Kanada an den Deister – in ganz Europa war kein Profi mehr zu bekommen. „Manche Dellen haben 100 bis 150 Millimeter Durchmesser, daran sieht man, wie groß die Hagelkörner waren.“ Schwarz kann übrigens niemand etwas vormachen. Auf den ersten Blick erkennt er, ob Naturgewalten die Ursache sind – oder vielleicht ein Golfball.

Der Tag in der Werkstatt wird lang. Thomas Toloui ordert Brötchen nach.



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