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16-Jährige hat den Krebs besiegt / Bennigser Familie bekommt viel Unterstützung

Lisas lang ersehnte Rückkehr ins Leben

Bennigsen. Die Familie hat nie aufgegeben. Nicht nach der schrecklichen Diagnose. Nicht während des Martyriums in den vergangenen Wochen. Und auch nicht, als das Leben an einem seidenen Faden hing. Hinter den Bennigsern liegt eine schwere Zeit – doch endlich kann Lisa Paul wieder lachen. Kraft und Ermutigung hat die riesige Solidarität der Dorfgemeinschaft erzeugt. Lisa macht nun auf noch etwas wackeligen Beinen die ersten Schritte zurück in die Normalität.

Haben viel gemeinsam durchgemacht: Helga und Lisa Paul sind endlich wieder in Bennigsen. Foto: ric

Autor:

Markus Richter

Das Mädchen mit den strahlend-blauen Augen ist wieder zu Hause. „Es geht mir sehr gut“, sagt sie und lächelt. Unter dem Tuch auf ihrem Kopf wachsen endlich wieder Haare. Noch hängt ein Schild an der Haustür, das Besucher bittet, für Lisas Gesundheit die Schuhe auszuziehen. Jetzt hat die 16-Jährige ein neues Zimmer, es scheint, als wollte die Familie Paul die Schrecken der Vergangenheit auch äußerlich hinter sich lassen.

Anfang Mai kam die erlösende Nachricht per Post: Ein Knochenmarkspender wurde gefunden, nicht bei der Typisierungsaktion in Bennigsen, sondern in Hameln. Am 10. Mai zog Mutter Helga mit ihrer Tochter auf der Transplantations-Station der Medizinischen Hochschule Hannover ein. „Wir richteten uns auf vier bis sechs Wochen ein“, sagt Helga Paul. Es dauerte viel länger. Während der sogenannten Konditionierung musste die Jugendliche drei Tage lang je eine Stunde Ganzkörperbestrahlung über sich ergehen lassen. Dann vier Tage hoch dosierte Chemotherapie. Das Ziel: alle eigenen pathologischen Zellen abzutöten. Komplett isoliert und vermummt folgte die eigentliche Transplantation. „Das war vergleichsweise unspektakulär“, sagt Helga Paul. „Ich fühlte mich wie nach einer Frischzellenkur“, ergänzt Lisa.

Doch dann verschlechterte sich ihr Zustand zusehends, nicht weil Fußballprofi Per Mertesacker sie und die anderen Kinder und Jugendlichen besuchte, sondern weil die Organe versagten. Lisa konnte kaum noch atmen, Probleme in der Leber kündigten sich an. Intensivstation – Koma. Die Ärzte diagnostizierten ein Leber-Nierenversagen, „eine Folge der vielen Chemos“, meint die Mutter. Ihre Tochter bekam eine Blutwäsche (Dialyse), war überall am Körper verkabelt. Ihren Vater erreichte dann ein Anruf: „Kommen Sie vorbei, wir wissen nicht, ob Lisa die Nacht überlebt“, teilten die Mediziner mit. Tränen flossen. Bange Stunden zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Lisa muss einen großen Lebenswillen haben. Die Kraft, die ihr dutzende Briefeschreiber vermittelten, die nahm sie wohl mit. Durch zielgenaue Medikamente erwachte die Bennigserin eines Tages wieder aus dem Koma. Weitere Wochen auf der Intensiv-Station folgten. Mutter Helga litt doppelt: Sie ereilte der Brustkrebs. „Eine schwere Zeit, die uns verändert hat“, sagt sie heute, während sie ihren Schatz an sich drückt. Nach neun Wochen und vier Tagen wurden die beiden entlassen.

Jetzt, 100 Tage nach der Transplantation, werden die Arzneien langsam weniger. Lisa kann nach einem Jahr wieder Salat essen, muss nicht ständig mehr mit einem Mundschutz unterwegs sein. Und sie kann sich endlich auf ihren Besuch im Zoo freuen – dorthin wollte sie schon lange.

Jede Woche fahren ihre Eltern sie jetzt wieder nach Hannover für ein großes Blutbild. Und ihre Werte machen berechtigte Hoffnung, dass der Krebs besiegt ist: Das neue Knochenmark ist zu 100 Prozent angewachsen, die weißen Blutkörperchen sind wie der Hämoglobin-Wert im Normbereich. Die Familie will später auch den Spender persönlich kennenlernen. Wer das ist, weiß sie noch nicht.

Die Schule besuchen kann Lisa im Moment nicht. „Das schaffe ich noch nicht.“ Das Jahr wird sie wiederholen. Jetzt macht sie Hausaufgaben mit ihrer Schwester Laura, um im Training zu bleiben. Langsam fallen auch die Berührungsängste der Freunde ab: „Sie war schon ausgegrenzt“, bedauert ihre Mama. Freundinnen waren neulich erstmals wieder zu Besuch. Für andere Jugendliche das normalste der Welt, für Lisa ein unglaublich freudiges Ereignis. „Wir haben DVD geguckt – und uns über die Schule unterhalten“, sagt sie und gibt kichernd zu: „okay, es ging auch um Jungs.“ Endlich kann Lisa auch wieder alle aus der Familie sehen, auch Oma und Opa. Das Krankenhaus-Essen mag sie nach den vielen Wochen nicht mehr. „Mama kocht viel besser“, lobt Lisa höflich. Und die Mama strahlt.

Lisas Vater hat in der schweren Zeit im Stillen mitgelitten. Er hat sich die Namen seiner Töchter auf die Arme tätowieren lassen. Für die Ewigkeit.



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