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Gericht soll klären, ob Schülerin seelisch unter ihrer Lese-Rechtschreib-Schwäche leidet

Legasthenie: Eltern klagen gegen die Stadt

Springe. Wer kann besser beurteilen, worunter ein junges Mädchen leidet? Ein Arzt mit seinem Gutachten – oder ein Jugendamts-Mitarbeiter mit seinem Fragebogen? Diese Fragen beschäftigt jetzt das Verwaltungsgericht Hannover. Die Eltern des besagten Kindes haben dort gegen die Stadt Springe geklagt. Es geht um finanzielle Zuschüsse, mit denen die möglichen seelischen Folgen einer Lese-Rechtschreib-Schwäche verhindert werden sollen.

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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Es war vor gut einem Jahr, da bekam die Familie aus einem Springer Ortsteil die Diagnose für die schulischen Sorgen ihrer Tochter: Legasthenie. Das heißt, die Elfjährige hat Probleme, gesprochene Worte ins Schriftliche umzusetzen – und umgekehrt. Ein von der Stadt anerkannter Arzt habe die Schwäche bestätigt, sagen die Eltern, und sich dabei mit Tests und in mehreren „einfühlsamen Gesprächen“ ein Bild von der Gemütslage des Kindes gemacht. „Eindeutig“ habe er dabei eine „seelische Beeinträchtigung“ festgestellt und bescheinigt, sagt der Vater. Das Kind, glaubt der Mediziner demnach, leidet unter der Legasthenie.

Um diesem Zustand entgegenzuwirken, wandten sich die Eltern ans Springer Jugendamt. Das Gesetz sieht vor, dass die Behörde unter bestimmten Voraussetzungen die Förderung von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche finanziert. Eine Bedingung dafür ist besagte seelische Beeinträchtigung, die der Arzt dem Mädchen attestiert hatte. Doch das Jugendamt sieht den Fall offenbar anders: Bei einem persönlichen Gespräch mit Mutter und Tochter habe die Erziehungsberechtigte den Raum verlassen müssen, sagen die Eltern. Ein Mitarbeiter der Behörde sei danach mit der Schülerin einen „standardisierten Fragebogen“ durchgegangen. „Nach zwanzig Minuten war er überzeugt, dass unser Kind nicht unter der Störung leidet“, sagt die Mutter. Und weil keine seelischen Beeinträchtigungen zu erwarten seien, gebe es auch keine Förderung. „Uns wurde geraten, in einem Jahr noch mal wiederzukommen“, erinnern sich die Springer: „Wir waren völlig konsterniert.“

Knackpunkt sei offenbar, dass sich das Mädchen nicht der Teilnahme am sozialen Leben verweigere: „Unser Kind hat Freunde, sogar mehr als einen. Es geht zum Sport, zur Feuerwehr“, sagt der Vater. Dass das aber als Beleg für seelisches Gleichgewicht reicht – das hält er für ausgeschlossen.

Weil das Gesetz einen Einspruch beim Jugendamt nicht vorsehe, „blieb uns nur der Weg zum Verwaltungsgericht“, sagt er. Bei einem ersten Schlichtungstermin – ohne die Schülerin – habe die Stadt durchblicken lassen, nach einer möglichen Niederlage sofort die nächste Instanz bemühen zu wollen. Bald steht die Hauptverhandlung an – dann muss auch die Elfjährige vor Gericht erscheinen. Für das Kind eine Stress-Situation, sagen die Eltern: „Sie fragt: Was habe ich denn Schlimmes gemacht?“

Die Stadt lehnte gestern eine Stellungnahme ab – mit Verweis auf das laufende Gerichtsverfahren.

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