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Beratungsstelle hat weniger Geld

„Lebensunfälle“: Springer kämpfen gegen Schulden

Springe (jemi). Zwei Mal in der Woche ist das Schuldnerbüro der Diakonie in Springe geöffnet. Berater Günter Meyer ist dann sehr gefragt – ihm bleibt während der Sprechzeiten kaum eine Minute Luft. Denn der Sozialarbeiter bearbeitet 100 Fälle jährlich – doch die Dunkelziffer ist höher. Und das Budget der Beratungsstelle sinkt.

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Am häufigsten sind Springer zwischen 40 und 50 Jahren verschuldet. „Eigentlich die Kategorie, die mitten im Leben steht“, sagt Meyer, der schon seit 20 Jahren bei der Schuldnerberatung arbeitet. Häufig seien „Lebensunfälle“ die Ursache dafür, dass das Leben zumindest finanziell aus dem Ruder läuft: Eine Scheidung und damit eventuell anfallende Unterhaltszahlungen, Arbeitslosigkeit und schlechte Beratungen bei Kreditinstituten sind dabei Hauptfaktoren. „Leider tragen die Banken oft eine Mitschuld“, so die Erfahrungen des 57-Jährigen. Gar nichts so selten würden ahnungslose Bürger über den Tisch gezogen: Jede zweite Hausfinanzierung sei mittlerweile fragwürdig. Da die Kreditwirtschaft jedoch davon lebe, werde sich in diesem Punkt in Zukunft nur wenig ändern, glaubt Meyer: Die Menschlichkeit bleibt meist auf der Strecke.“ Deshalb rät er, sich gut zu informieren. „Bildung ist unheimlich wichtig, um sich vor Verschuldung zu wappnen.“ Die Schuldenhöhe der Springer variiert zwischen 1000 und zwei Millionen Euro, der Schnitt beträgt 30 000 Euro. Höhere Summen kommen oft durch gewerbliche Pleiten zustande.

Zugenommen haben die Beratungen von Hartz-IV-Empfängern. Vor einigen Jahren haben sie etwa 25 Prozent der Fälle ausgemacht, mittlerweile sind es 40 Prozent. Auch junge Menschen kommen in die Schuldnerberatung. Denn bei Jugendlichen aus Springe schnappt immer wieder die sogenannte Handyfalle zu – sie häufen horrende Rechnungen an. Die Altersarmut in Springe hat laut Meyer dagegen nicht zugenommen. Problematisch werde es bei denen, die nur eine geringe Rente bekommen. Kürzlich sei eine Frau bei ihm gewesen, die ihren Nebenjob überraschend verloren hat. Somit konnte sie für 17 000 Euro Schulden ihre Raten nicht mehr bezahlen.

Meyer berät alle verschuldeten Springer, die Hilfe benötigen. Aber auch die Schuldnerberatung muss mit immer weniger Geld auskommen. 5000 Euro aus der kommunalen Kasse seien für eine Stadt von 30 000 Einwohnern sehr knapp bemessen, meint Meyer. Als Konsequenz der jüngsten Kürzung fürchtet er, seine Zielgruppe einschränken zu müssen. Es könnten dann hauptsächlich nur noch Hartz IV-Empfänger beraten werden. Die anderen Fälle würden zu teuer.

Eine weitere Konsequenz könnte sein, dass der Hauptstandort der Beratung, der noch in Springe ist, irgendwann verlegt werden muss. Das wäre eine sehr negative Entwicklung, denn Meyer geht davon aus, dass sich die finanzielle Lage der Springer in den kommenden Jahren nicht entspannen wird. Das bedeutet, die Nachfrage für die Schuldnerberatung werde nicht geringer – zumal auch die Privatinsolvenzen ansteigen. Meyer hofft, dass er trotzdem weiterhin allen Bedürftigen eine Beratung ermöglichen kann.

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