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Kulinarischer Bestseller aus Alvesrode

Alvesrode. Es ist ein Mammutwerk: Allein 40 Seiten Inhaltsverzeichnis, zahlreiche Illustrationen, 1500 Rezepte. Das „Neue Kochbuch für die deutsche Küche“ gehört zu den meistverkauften Rezeptbüchern überhaupt. Die Autorin des 1933 veröffentlichten Werkes lebte 20 Jahre lang in Alvesrode. Eine Spurensuche.

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Lage in Lippe, 1985. Der Heimathistoriker und Büchersammler Udo Mierau ist auf der Suche nach den lebenden Nachfahren der Kochbuchautorin und Märchensammlerin Ida Schulze. Dass Schulzes Stief-Enkelin hier lebe, hatte er während seiner Nachforschungen erfahren. Er trifft sie wirklich, führt ein langes Gespräch mit der Frau, macht sich Notizen. Endlich erfährt er Details über das Leben der weit über die Grenzen der Region hinaus bekannten Autorin.

Als das Kochbuch 1933 erschien, gehörten Frauen hinter den Herd. So sahen das zumindest die meisten Männer. Schulze, die schon 55 Jahre alt war, als das Buch auf den Markt kam, hat sich davon nicht beeindrucken lassen. Statt zu kochen, schrieb sie lieber darüber.

„Das mag natürlich auch damit zu tun haben, dass sie finanziell gut gestellt war“, sagt Mierau. Immerhin erhielt sie aus ihrer Ehe mit dem Forstmeister Gustav Schulze eine gute Pension. Die finanzielle Unabhängigkeit machte sie auch zu einer geistigen Freidenkerin: Schulze betrieb Dialektforschung, lieferte Artikel für das Niedersächsische Wörterbuch, schrieb Chroniken – und eben das Kochbuch. Letzteres war aber wesentlich erfolgreicher als alles, was es bisher auf dem Kochbuchmarkt gegeben hatte.

„Ich selbst koche nicht, nein“, sagt Mierau, wenn er gefragt wird, ob er schon Rezepte aus dem alten Werk ausprobiert habe. „Und meine Frau, die kann kochen, die braucht das nicht“, sagt er – und lacht.

Das erste erfolgreiche Kochbuch des Landes hatte Henriette Davidis im Jahr 1845 veröffentlicht. Ihr „Praktisches Kochbuch“ gehörte zur Grundausstattung vieler Haushalte. Aber im frühen 20. Jahrhundert hatten sich die Geschmäcker verändert; genau wie die Küchen und die Kochtechnik. Ein neues Buch musste her. Schulze übernahm viele Artikel aus dem Klassiker, passte sie an neue Techniken und Gepflogenheiten in den Küchen an, ergänzte das Buch aber auch um zahlreiche modischere Rezepte. Es erschien schließlich unter dem Autorennamen Davidis-Schulze und erreichte zwölf Auflagen. Ein Riesenerfolg. Ihre Texte schrieb die Alvesroderin mit einer einfachen Schreibfeder. Ebenfalls ungewöhnlich, denn immerhin gab es während der Zeit bereits teure Füllfederhalter. Schulze brauchte so etwas nicht.

Sie wurde 1878 im ostfriesischen Augustfehn als Tochter eines Apothekers geboren. Ihr Mann, mit dem sie fast 32 Jahre lang zusammenlebte, war 40 Jahre älter als sie. Nach seinem Tod zog Schulze 1934 nach Alvesrode, wo sie über 20 Jahre lang wohnte und viele Freunde hatte.

Mierau hat das beliebte Kochbuch in einem Antiquariat gefunden. Im Internet werden noch heute Exemplare des Werkes gehandelt, Kostenpunkt für gut erhaltene Nachschlagewerke: 10 Euro. „Das hat einen rein ideellen Wert“, sagt Mierau.

Ida Schulze starb im Alter von 90 Jahren in dem kleinen Sünteldorf Beber. Sie wurde in den letzten Jahren von einer Freundin aus Hamelspringe betreut und gepflegt. rtm



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