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Acht Springer Familien spielen die weltweiten Klimaziele nach – mit erstaunlichen Ergebnissen

Klein-Kyoto liegt am Deister

Springe. Drei Familien aus dem Neubaugebiet an der Warener Straße haben die ganze Sache einst ins Rollen gebracht. Und eine Lawine ausgelöst. „Unsere Klimagruppe hatte ursprünglich den Zweck, Energieverbräuche zu dokumentieren“, erinnert sich Rudolf Rantzau. Und so wurde eifrig der Verbrauch von Wasser, Strom und Gas gemessen, zusammengebracht, verglichen.

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Autor:

Markus Richter

Das war vor drei Jahren. Heute sind es acht Familien aus Springe, die im regelmäßigen Kontakt stehen und ihre Daten vergleichen, weitaus umfangreicher als je gedacht. „Wir setzen uns Ziele, einigen uns. Das ist ein Rollenspiel mit einer Portion Realität“, sagt Rantzau. Dann sei die Diskussion um den Kohlendioxid-Verbrauch aufgekommen, parallel zu den internationalen Klimavereinbarungen im japanischen Kyoto. Rantzau ist als Mann vom Fach so etwas wie der Kopf der Gruppe. Beruflich ist er im Landwirtschaftsministerium für Klimafragen zuständig, privat ist er der Herr der Daten und Tabellen. Seine Frau Katharina Jahn-Rantzau sitzt ohne Parteibuch für die Grünen im Stadtrat. Das Projekt führte auch bei ihr zu einem Umdenken. „Früher sind wir in den Urlaub geflogen, heute stellen wir fest, dass uns das die gesamte Bilanz für ein Jahr verhagelt.“

Kaum etwas, das wissen die Mitglieder der Klimagruppe, ist so umweltschädlich wie ein Langstreckenflug. Getoppt würde das nur noch von Luxuskreuzfahrten. Oder vielleicht einer Mondrakete. Als Rantzaus Sohn in China war, besuchte ihn der Vater „kurzerhand“ mit dem Zug: „11 000 Kilometer für einen Weg“, erinnert sich der Familienvater. Zwei Wochen war er unterwegs. Aber es lohnte sich. Für die Umwelt. Und natürlich für bessere Zahlen in der Jahresabrechnung.

Doch die ist nicht alles, sagt Ulrike Conrad. Der Erfahrungsaustausch mache das Ganze so spannend. Ein Problem gibt es jedoch – sowohl global als auch lokal: Jeder bringt andere Voraussetzungen mit. Auch wenn längst zertifizierter Ökostrom aus jeder Steckdose der acht Häuser fließt, einige Solaranlagen auf den Dächern haben und niemals jemand den Fernseher auf Stand-by lassen würde, müssen die Individualitäten berücksichtigt werden. Wie im wahren Leben auch ist es möglich, sich freizukaufen. „Wir überlegen noch, ob das so richtig ist“, gesteht Conrad. Denn wer in modernste Haustechnik investiert, kann deutlich bessere Zahlen vorweisen.

Nicht nur bei den Rantzaus stehen die Fahrräder immer griffbereit neben dem Hybrid-Auto. Konsequent ist auch Hans Dangers zum Umweltschützer geworden. Er nutzt gerne sein E-Bike, spart an langen Flugreisen. „Höchstens noch einmal pro Jahr geht’s weg – und maximal Mittelmeer statt Kanaren.“ Wie die anderen achtet Dangers zudem darauf, etwa beim Neukauf von Haushaltsgeräten auf stromsparende Modelle zurückzugreifen.

Jörg Stöckel hat investiert. Er sagt: „Etwas bewegen kann man nicht, indem man mal das Licht ausschaltet.“ Er schaffte nicht nur einen Brennwertkessel an, sondern absolviert sämtliche Fahrten von und zur Arbeit mit seinem kleinen Elektroauto. Weiterer Pluspunkt seines persönlichen CO2-Fußabdrucks: Der Smart tankt nicht irgendeinen Strom aus irgendwelchen Steckdosen, sondern solchen, der rein ökologisch und kohlendioxidfrei hergestellt ist.

Die Kilometerstände der Autos und Fahrradtachos notieren, das Ablesen sämtlicher Zähler im Haus, das Aufbewahren von Bahntickets – die Klimagruppe hat ein zeitintensives Hobby. Wie schwierig das manchmal ist, zeigt Stöckel am Beispiel der Zugfahrten auf: „Die grüne Bahncard ist eine Mogelpackung, weil der Strom nicht CO2-neutral ist.“ Der Springer hat sein Verhalten schon so weit geändert, dass selbst die anderen schmunzeln müssen: Im Winter fährt er im Smart mit Mütze und Handschuhen. Die Heizung bleibt aus. Kostet zu viel Energie.

Wenn am Ende eines Jahres abgerechnet wird, Rantzau seine Beamerpräsentation startet und Sünder sich zu erkennen geben, gibt es neben der Umwelt noch viele andere Sieger: Die Verlierer-Familie muss alle anderen Mitstreiter zum Essen einladen. Rindfleisch aus Südamerika kommt da natürlich nicht auf den Tisch, sondern nur regionales Biogemüse. „Auch wenn ich gerne mal eine Bratwurst esse“, gesteht Hans Dangers. Die anderen verzeihen’s ihm. Niemand ist unfehlbar.



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