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Urteil: 33-Jährige hat keine Straftat begangen

Klägerin von Freispruch geschockt

Springe. Vielleicht hat sie mit Gefühlen gespielt, womöglich die Gutgläubigkeit alter Männer ausgenutzt – aber sie hat sich nicht strafbar gemacht: So bewertet zumindest das Amtsgericht den Fall der 33-jährigen Altenpflegehelferin, die mindestens zwei Rentner um ihr Erspartes brachte. Der Freispruch nach insgesamt neun Stunden Verhandlung löste empörtes Gemurmel im mit 40 Zuschauern voll besetzten Saal aus – offensichtlich, dass die Menge gerne eine Strafe für die Angeklagte gesehen hätte.

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Autor:

Markus Richter

„Dieses Fehlurteil ist ein Freibrief für jeden Heiratsschwindler“, ärgerte sich Nebenklageverteidiger Matthias Doehring. Seine Mandantin, die Nichte und Alleinerbin des vermeintlich Geschädigten, will in nächster Instanz weiter für Gerechtigkeit kämpfen, sagt sie. „Dieser Frau muss das Handwerk gelegt werden.“ Vorausgegangen war eine Hauptverhandlung, die wie schon beim Auftakt vor zwei Wochen von großem öffentlichen Interesse gesäumt war. Als Zeuge war zunächst ein Mann geladen, der der Angeklagten eine noble Wohnung in der Springer Innenstadt vermietet hatte, aber lange auf sein Geld warten musste. Dann sprach die Nichte, berichtete vom Tod ihrer Tante und davon, wie schlecht es ihrem Onkel ging – zumindest bis zu dem Tag, an dem die Angeklagte unvermutet in sein Leben trat. „Er sagte, er habe jemanden kennengelernt, hielt sich aber bedeckt.“

Im Laufe des Jahres 2010 habe der Senior erstmals Bedenken über die Beziehung zu der fast 50 Jahre jüngeren Frau geäußert. Weil er ihr immer wieder Geld geliehen und nie zurückbekommen hätte, schaltete er einen Anwalt ein. Warnungen schlug der frisch verliebte Mann in den Wind. „Es ist schön, wieder eine Frau im Bett zu haben“, soll er gesagt haben. Es folgte ein mehr als vierwöchiger Krankenhausaufenthalt. „Ich bin stutzig geworden, als er mich bat, ihm Geld von seinem Konto zu bringen“, erinnert sich die Nichte. 500 Euro seien das gewesen, weitere 500 am Folgetag. „Das konnte ich nicht verstehen.“ In der Folge kümmerten sich die Nichte und ihr Mann liebevoll um den Senior. „Ende Januar antwortete er plötzlich nicht mehr auf unsere täglichen Anrufe.“ In der Wohnung fanden die Angehörigen nicht nur den leblosen Mann, sondern in der Folge zahlreiche Unterlagen, Dokumente, akribisch geführte Tagebücher. „Wir sind aus allen Wolken gefallen, als wir die Einträge gelesen haben“, berichtet die 56-Jährige. Demnach schuldete die Angeklagte dem Rentner mehr als 60 000 Euro. Darüber hinaus hatte er protokolliert, dass er ihr während der Bekanntschaft i-Phone, Laptop, Fernseher und Küche geschenkt hatte. Unklar ist auch jetzt noch, ob sich die junge Frau weitere 3500 Euro unter Vorspiegelung falscher Tatsachen erschlichen hat: Unter Tränen soll sie von dem Tod ihres Großvaters in Polen berichtet und damit das Herz ihres „Liebhabers“ erweicht haben. Allerdings: Der Opa lebte noch – stattdessen fuhr die Springerin in den Luxusurlaub.

Zwei Beamte der Springer Kriminalpolizei sagten aus, dass der Senior vor drei Jahren im Kommissariat Anzeige erstattet hatte. Er habe sich immer wieder erweichen lassen, Geld auszulegen, obwohl er sich heute darüber ärgere.

Die Angeklagte hat acht Einträge im Bundeszentralregister, meist wegen Betrugs. Verurteilt wurde sie aber auch wegen Fahrens ohne Führerschein in 85 Fällen. Für den Staatsanwalt war die Sache klar: Der Vorwurf des Betrugs habe sich erwiesen. Sie sei „planvoll vorgegangen“ und habe das Vertrauen ausgenutzt. Die Forderung: ein Jahr und drei Monate zur Bewährung. In einem gestenreichen Plädoyer hatte Rechtsanwalt Ulrich Bantelmann einen Freispruch für seine Mandantin gefordert. „Er wollte sie binden und es war ihm egal, ob er das Geld zurückbekommt.“ Sie hätte den alten Mann ja auch heiraten und beerben können – doch das wollte sie nicht: „Sie hat sich bewusst distanziert.“

Nebenklageanwalt Doehring sprach mehr als 30 Minuten filmreif über Moral und Ethik. „Sie ist eine skrupellose, uneinsichtige Gewohnheitskriminelle“, sagte er. Der Betrug sei besonders perfide, da es allein um die „Befriedigung ihrer persönlichen Geldgier“ ging.

Richter Felix Muntschick ließ sich viel Zeit, sein Urteil zu formulieren – und das lautete für viele Beobachter überraschend auf Freispruch. Die Begründung war juristisch-nüchtern: Ein Betrug setze eine Täuschung voraus. Dies könne er hier nicht erkennen. „Liebe oder Gefühle spielen keine Rolle für den Strafbestand – selbst, wenn sie vorgegaukelt werden“, hieß es. Was bleibt, ist der Weg der Zivilklage. Die Nichte des Verstorbenen kündigte an, auch strafrechtlich weiter vorzugehen.



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