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Jürgen Kohlenberg blickt auf seine lange Zeit im Rat zurück

SPRINGE. Ein Vierteljahrhundert hat Jürgen Kohlenberg die Kommunalpolitik im Springer Stadtrat mitgestaltet. Am Montag endet die Legislaturperiode, dann scheidet der 63-Jährige offiziell aus dem Rat aus. „Die ersten Jahre waren die Schönsten“, sagt Kohlenberg heute, wenn er zurückblickt.

Jürgen Kohlenberg hatte sich 2014 dazu entschieden, als Einzelkämpfer im Rat weiterzumachen. Foto: Archiv
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Saskia Helmbrecht Redakteurin zur Autorenseite

„Da sah man noch Parteien, jetzt ist alles Einheitsbrei.“

Früher fühlte sich der Völksener, der lange für die CDU aktiv war, noch als „Parteisoldat“, sagt er. Es gab Reibereien zwischen den Parteien, ein klareres Profil mit Ecken und Kanten. „Die Politik ist zu phlegmatisch, zu oberflächlich geworden. In den vergangenen Jahren wurden in Springe kaum noch Anträge gestellt. Viele lehnen sich zurück und lassen lieber andere machen“, kritisiert Kohlenberg sein Mitstreiter. Die Politiker würden von der Stadt „zugemüllt“ mit Vorlagen – „dann schalten viele einfach ab“.

30 Jahre war Kohlenberg im Beruf in der Kommunalverwaltung im technischen Bereich tätig. Durch die Brille des „Oberverwaltungsgerichtspräsidenten“, wie er sich scherzhaft nennt, habe er eben einen anderen Blick auf die Politik, sagt er. Und so vergleiche er Springe auch oft mit anderen Kommunen.

„Ich habe mich wählen lassen, um die Interessen der Bürger umzusetzen. Ich bin mehr Bürgervertreter, als Ideologe“, sagt Kohlenberg über sich selbst. Er ist in den vergangenen Jahren im Rat immer wieder angeeckt, hat kritisiert, dagegengehalten – und für manch einen Augenroller bei seinen Kollegen gesorgt. Ihn selbst stört das nicht. Dazu gehöre eben auch, hartnäckig und konsequent zu bleiben und gewisse Strukturen zu erkennen.

Dabei sieht er das Problem gar nicht immer in Springe: Eine der größten Fehlentscheidungen in der Kommunalpolitik des Landes sei gewesen, den hauptberuflichen Stadtdirektor und den ehrenamtlichen Bürgermeister in einem Posten zusammenzufassen: „Das war großer Mist. Ich greife keinesfalls Herrn Springfeld damit an, aber die damals getroffene Entscheidung war falsch, wenn ich mir die Kommunen ansehe.“ Weil das Amt auf fünf Jahre begrenzt ist, bringe der Beruf jetzt auch viele Unsicherheitsfaktoren für interessierte Bewerber mit. „Da zögern viele.“

Außerdem kritisiert Kohlenberg, dass in den Räten selbst zu viele Mitglieder aus dem Öffentlichen Dienst kommen. „Es gibt kaum noch Handwerker oder Bauern, das war früher einmal anders und auch besser“, sagt der gelernte Maurer und studierte Bauingenieur. „Die Verfassung lässt keinen Querschnitt der Bevölkerung mehr zu.“ Und: Immer weniger Bürger würden sich überhaupt noch für die Politik interessieren.

2014 verließ Kohlenberg überraschend die CDU-Fraktion, mit der er sich nicht mehr identifizierte – fünf Monate nach seinem Ausscheiden aus der Fraktion schloss er sich dann der Ratsgruppe Freie Wähler/FDP an. Und trat gleichzeitig nach 30 Jahren aus der CDU aus. Zehn Jahre war er dort Vorsitzender des Ortsverbandes Völksen gewesen, eine Legislaturperiode stellvertretender Ortsbürgermeister und mehrere Jahre Chef der Stadtratsfraktion – seine Frau Gabriela sitzt weiterhin für die CDU im Landtag und in der Regionsversammlung. Trotzdem bereut Kohlenberg seine Entscheidung nicht: „Als freier Wähler ist man offener, gerade das ist auf kommunaler Ebene wichtig.“

Ein gutes Beispiel für das Wirken von Kommunalpolitik ist für ihn zum Beispiel das Baugebiet an der Christian-Flemes-Straße: Der Ortsverband Völksen habe den Stein ins Rollen gebracht, der Ortsrat den Vorschlag befürwortet, dann ging der Impuls in den Stadtrat und wurde entschieden. „Diese klassische Struktur von unten heraus aus dem Ortsrat gibt es kaum noch. Immer wieder wird gesagt: Wir könnten, wir müssten mal, aber am Ende wird nichts Konkretes gemacht.“

Als sein „Hobby“ bezeichnet Kohlenberg das viel diskutierte Stadtentwicklungskonzept, für das er in den vergangenen Monaten immer wieder vergeblich gekämpft hatte. Seine Ratsgruppe war im Stadtrat mit dem Vorschlag mehrmals gescheitert. Trotzdem hält Kohlenberg an der Idee fest. „Hier traut sich einfach keiner an das Stadtentwicklungskonzept ran“, sagt er. Er wäre froh, wenn das Thema vom neuen Rat noch einmal aufgegriffen würde. „Vielleicht klappt es ja dann.“

Am 11. September hatte er zu wenig Stimmen erreicht, um wieder in den Rat einzuziehen. Sonst hätte er gerne auch das Thema interkommunale Zusammenarbeit noch einmal auf den Tisch gebracht. „Die Idee, Verwaltungseinheiten zu zentrieren, war lange Zeit in Mode, die ist heute leider eingeschlafen.“

Im Ortsrat wird Kohlenberg dagegen aktiv bleiben und sich gegen die Kesselbebauung und für eine Belebung der Inneren Freiräume aussprechen, um die Innenstadt zu stärken. Angst hat Kohlenberg vor allem davor, dass Springe durch die Randlage weiter von der Region Hannover abgedrängt werde.



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