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Diakonie kritisiert Hartz-Gesetze: Anträge überfordern – und lassen zu wenig Luft zum Leben

Jedes siebte Springer Kind lebt in Armut

Springe. Die vor zehn Jahren auf den Weg gebrachten Hartz-Gesetze sind eine Fehlkonstruktion. Diese Bilanz zieht der Diakonieverband Hannover-Land auch für Springe: „Das Verfahren der Antragstellung ist zu komplex und Fördermaßnahmen bleiben häufig auf der Strecke“, sagt die Springer Kirchensozialarbeiterin Ingrid Röttger – und legt alarmierende Zahlen auf den Tisch.

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Mischer

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Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Ein unscheinbares Gebäude an der Pastor-Schmedes-Straße: weiß verputzt, mit Türklingel und schmiedeeisernem Zaun davor, Reihenhausidylle aus dem Bilderbuch. Für viele ist das Gebäude aber der letzte Rettungsanker. Denn dort haben die Beratungsstellen der Diakonie ihren Sitz: Hilfe für Suchtkranke, Überschuldete und Verarmte.

„In Springe sind die Eltern von 14,6 Prozent aller Kinder auf Sozialhilfe angewiesen“, sagt Röttger. In Zahlen bedeutet das, dass in der Stadt 547 Kinder leben, deren Familien als arm gelten und ihr Einkommen über Hartz VI erzielen. „Immer mehr Menschen suchen uns auf, weil sie sich in einer existenzgefährdenden Situation befinden“, sagt Günter Meyer, der eine Schuldner- und Insolvenzberatung im Diakoniehaus anbietet. Viele seiner Kunden haben nicht nur kein Geld und keinen Job, sondern eben auch noch einen großen Schuldenberg und zudem mit chronischen Krankheiten zu kämpfen, die immer häufiger Folge eines Jobverlusts sind.

Die Diakonie hilft ihnen mit ihren Beratungsangeboten dabei, die Hilfen, die ihnen zustehen, auch zu bekommen. „So ein Hartz-Bescheid, der hat 30 Seiten – und den zu verstehen und zu erklären, das ist selbst für Profis nicht immer einfach“, sagt Diakoniepastor Harald Gerke. Das Fachchinesisch der Arbeitsagentur in geläufiges Deutsch zu übersetzen ist aber nur eine der Aufgaben seiner beiden Mitarbeiter in dem weißen Reihenhaus. „Unsere große Stärke ist, dass wir vernetzt sind – und an verschiedene Hilfsangebote der Diakonie verweisen können“, sagt Gerke.

Oft gehe es aber auch darum, die Betroffenen zu ermuntern, jene Hilfe zu beantragen, die ihnen zustehe, erläutert Röttger. Gerke ergänzt: „Wir sind oft die Türöffner zum Jobcenter.“ Vielen Menschen sei es peinlich, dass sie auf Hilfe angewiesen sind – und sie versuchten zunächst, sich ohne Unterstützung durch den Staat durchzuschlagen. Dann, wenn Kinder mit betroffen sind – in Springe leben immerhin 20,5 Prozent Alleinerziehende – kann das aber rasch in Überschuldung und damit auf dem Schreibtisch von Günter Meyer enden.

„Das Problem der Hartz-Gesetze ist, dass sie zu viel fordern – und zu wenig fördern“, bilanziert Röttger. Konkret: Vielen Menschen fehlten durch den großen bürokratischen Aufwand jene Ressourcen, die sie bräuchten, um ihr Leben in den Griff zu bekommen. Zudem fehle es am Nötigsten. Für die Anschaffung eines Fahrrades etwa sei im Regelsatz kein Geld vorgesehen. Röttger: „Das müssen sie dann selbst organisieren.“ Durch den Nachbarschaftsladen Doppelpunkt, mit dem die Diakonie kooperiert, gäbe es allerdings neue Möglichkeiten für Menschen, sich gegenseitig zu helfen. Auch da steige die Nachfrage.



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