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Interview: Christoph Türcke über seine Kindheit in Springe

SPRINGE. Autor, Philosoph und Professor: Christoph Türcke zog es nach Zürich, Frankfurt, Brasilien und Leipzig. Was viele nicht wissen: Er hat seine Kindheit in Springe verbracht. Im Interview mit NDZ-Redakteurin Saskia Helmbrecht verrät er, welche Erinnerungen er an die Stadt hat.

Im Mai 2016 spricht Christoph Türcke auf Einladung der Rotarier über das 40-jährige Bestehen der Gruppe und deren Anfänge. FOTO: SAH

Herr Türcke, wann lebten Sie in Springe?

Von 1956 bis 1966. Aber immer nur am Rand. Zunächst im Forsthaus Eispfad am Wisentgehege. Von dort aus ging ich auf die Dorfschule in Alvesrode. 1958, als mein Vater Leiter des Forstamts Saupark wurde, zogen wir ins Forstamtsgebäude direkt neben dem Jagdschloss und ich kam in die Mittelschule nach Springe. Ein Gymnasium gab es damals noch nicht. Von 1960 bis 1966 besuchte ich das Schiller-Gymnasium in Hameln.

Wie verbunden fühlen Sie sich mit Springe?

Immer noch bindet mich viel an die Stadt und die Umgebung. Allein schon, wenn ich an meinen Schulweg vom Jagdschloss nach Hameln denke. Vier Kilometer Radfahrt zum Bahnhof, dann 20 Kilometer Bahnfahrt und in Hameln noch ein Kilometer Fußmarsch zur Schule. Und mittags wieder zurück. Erst später habe ich bemerkt, wie gut mir das als sportliche Leistung getan hat.

Sie wohnen derzeit in Leipzig, wo sie Professor für Philosophie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig waren und jetzt pensioniert sind. Wie oft haben Sie noch die Gelegenheit, nach Springe zu kommen?

Ich besuche des Öfteren meinen Freund und Verleger Dietrich zu Klampen. Neben seinem jetzigen Verlagssitz an der Röse in Völksen war der Alterssitz meiner Eltern: das „Hexenhaus“. Dort war ich oft zu Besuch. Auch Völksen hat etwas Heimatliches für mich. Zu Klampen war noch ein Kind, als ich ihn kennen lernte. Später hat er bei mir in Lüneburg studiert. Bei der Gründung seines Verlags war ich Geburtshelfer. Auch mit einigen Klassenkameraden, mit denen ich gemeinsam im Zug nach Hameln fuhr, bin ich freundschaftlich verbunden, zum Beispiel mit Hinrich Bergmeier. Meine Mutter leitete übrigens in den 80er Jahren den Kulturkreis, den er jetzt professionalisiert hat. Ich erinnere mich gut an die ersten Jagdschlosskonzerte. Es gab ein festes Kulturpublikum, vielleicht weniger flexibel, aber beständiger als heute.

Was haben Sie aus Springe auf Ihren weiteren Weg mitgenommen?

Viel von der Musik, die im Elternhaus gepflegt wurde. Ich wollte Geige studieren, was nach einer Überdehnung der linken Hand beim Üben allerdings nicht mehr möglich war. Immerhin habe ich mir später mit Geigenunterricht einen Teil meines Lebensunterhalts verdient.

Mein Bruder ist Komponist geworden und lehrt an der Universität der Künste in Berlin. Weniger geprägt haben mich Forst und Jagd. Als Kind nahm ich sie mit Interesse wahr, aber es war mir früh klar, dass das nicht mein Weg sein würde. Ich studierte dann Theologie. Da habe ich viele Einflüsse aus der St.-Andreas-Kirche mitgenommen. Der damalige Superintendent Lampe war ein großer Prediger und Rhetoriker, der sein Luthertum sehr eindrucksvoll präsentieren konnte. Er war eine Art Vaterfigur für mich.

Sie wurden, als der Rotary Club Springe sein 40-jähriges Bestehen feierte, als Festredner eingeladen.

Mein Vater war Mitglied von Rotary Hameln und hat den Springer Club gegründet. An alter Stelle im Jagdschloss sprach ich über „Heimat und Kindheit“. Zu meiner Kinderzeit war dieser Saal der Männersaal des Kreiskrankenhauses mit ca. 15-20 Betten. Fast noch Lazarettverhältnisse. Im Sommer flanierten auf der Terrasse Patienten im Bademantel und qualmten. Sie winkten uns Kinder heran: zum Bierholen vom Getränkevertrieb um die Ecke.

Was ist für Sie Heimat?

Für mich hat das viel mit Kindheit zu tun und wo man geboren wurde. Obwohl das paradox ist. Bei der Geburt verlassen Kinder ihre schützende Umgebung, werden in die Welt hinaus gepresst und von heftigen sinnlichen Eindrücken überwältigt. Das ist alles andere als heimatlich, sie müssen ihre neue Umgebung erst bewältigen und an dieser anwachsen.

Heimat ist die erste Umgebung, der wir anwachsen. Alle anderen Heimaten, die später noch kommen, sind Variationen der ersten. Von der ersten Umgebung nimmt man ganz viel mit. Oft mehr als man weiß. Menschen, die fliehen mussten oder auf der Flucht geboren wurden, sagen später oft: Heimat ist meine Sprache. Das hörte man viel von vertriebenen deutsch-jüdischen Schriftstellern. Gewiss, sie lebten in ihrer Sprache. Doch jede Sprache hat Inhalte, sie wird von jemandem vorgesprochen.

Man wächst an einem bestimmten Ort und durch bestimmte Personen in eine Sprache hinein. Sie fällt nicht einfach vom Himmel. Das heißt, Sprache ist nicht rein und ortlos. Es haften an ihr immer Rückstände von Personen und Umgebungen.

Der Vorstellung, man könnte heute überall zu Hause sein, misstraue ich. Ebenso wie der Rede vom Internet als dem neuen“zu Hause“. Wenn Kinder internetfähig werden, sind sie längst an einer realen Umgebung angewachsen.

Ein alter Spruch der Römer heißt zwar: Wo es gut ist, ist meine Heimat. Das klingt, als könne man überall heimisch werden. Doch das ist eine Rationalisierung. Wo gefällt es mir denn? Da, wo vertraute Muster wiederkehren.

Was ist Ihnen aus Ihrer Zeit in Springe in Erinnerung geblieben?

Ich habe ganz viele Erinnerungen. Etwa wie wir als Fahrschüler nach Hameln gelegentlich im Laufschritt noch auf den schon fahrenden Zug aufsprangen. Die Fahrgemeinschaft nach Hameln mit den Klassenkameraden Hinrich Bergmeier, Ulrich Manthey, Reinhard Schüler und dem leider schon verstorbenen Matthias Kschowak. Die erste Springer Aufführung von Bachs Weihnachtsoratorium unter dem wunderbaren Kantor Jäger, an der ich mitwirkte. Die Besuche bei den Großeltern. Die Predigten von Superintendent Lampe. Die Einkäufe in der Springer Altstadt.

Sie haben bereits zahlreiche Stationen in Ihrem Leben gehabt. Hätten Sie gedacht, dass es Sie bis nach Leipzig verschlägt?

Das hätte ich nicht mal ein halbes Jahr vorher gedacht. Ich kann ja jetzt etwas verraten. Ich war 1992 in Brasilien und hatte meinem Freund zu Klampen für Notfälle ein paar Briefbögen mit Blancounterschrift hinterlassen. Mit einem davon hat er mich ohne mein Wissen bei der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig beworben. So bin ich da gelandet. Es knüpft sich also ein Erinnerungsbündel an Springe und Springer. Das macht ja Heimat aus: dass viele Erinnerungen an ihr haften.



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