weather-image
25°
Flüchtlingszustrom ebbt ab: Was bedeutet das für die Integration?

Integrationskultur muss gelebt werden

270_0900_11332_Hauseinzigartig2.jpg

Autor:

von Sandra Hermes

Dann folgten die Hinweise, dass man in Deutschland den Müll in die Mülltonne wirft; die Toilette sauber hinterlässt; kein Obst erntet, das einem nicht gehört; nicht zu dritt auf einem Rad fährt; am Straßenrand hintereinander, nicht nebeneinander läuft. Der Brief machte als „Knigge“ Schlagzeilen, viele lachten über den Bürgermeister wegen seiner Formulierungen. Aber: Sie sind vor allem eins, ehrlich. Ein Jahr später sind diese Regeln wichtiger denn je.

Nach der Willkommenskultur gilt es, eine Integrationskultur zu lernen. Die Stadt Springe hat dazu drei Stellen für Sozialarbeiter geschaffen. Bürgermeister Christian Springfeld erklärt: „Die Arbeit ist jetzt noch viel wichtiger geworden.“ Auch wenn die Zahl der Flüchtlinge deutlich abnimmt: Sie hätten dadurch nicht weniger zu tun. „Die Sozialarbeiter können jetzt wieder ihrer eigentlichen Kerntätigkeit nachkommen“, so der Rathaus-Chef. Als die vielen Migranten nach Springe kamen, ging es um existenzielle Fragen der Unterbringung. „Das haben wir gelöst, jetzt können wir erst richtig helfen und die Herausforderung Integration annehmen.“

Laut Herbert Mensing, stellvertretender Fachdienstleiter „Soziales“ bei der Stadt, hat sich auch die Unterbringungssituation deutlich entschärft. Viel zu tun gibt es für Mensings Team trotzdem noch: „Wir können vom Chaos in die vernünftige Arbeit übergehen.“

Im Haus Einzigartig in Eldagsen wird Integration gelebt. Hier wird eine Begegnungsstätte für Jung und Alt geboten mit zahlreichen (Hilfs-)Angeboten.

Der Integrationsprozess steht auch für Friederike Hoffmann, Koordinatorin für Flüchtlingsarbeit des Kirchenkreises Laatzen-Springe, im Mittelpunkt der Arbeit. Dieser Prozess könne bis zu fünf Jahre dauern „Die Nachfrage nimmt nicht ab“, sagt Hoffmann.

Aus diesem Grund sei es wichtig, auch weiterhin Sprach- und Begegnungsangebote anzubieten. „Bei dem Sprachkurs im Doppelpunkt gibt es immer noch eine Warteliste.“ Die VHS in Springe bietet allein im Herbstsemester sieben Sprachkurse für Flüchtlinge an. Die Diakonie Hannover-Land hat seit August das neue Integrationsprojekt „Orientierung und Integration in Schule und Beruf“ im Angebot. Und der Bedarf ist da: Immer wieder würden sich die Flüchtlinge mit Fragen an Hoffmann wenden. Die Vermittlung von Sprachkursen, die Suche nach eigenem Wohnraum für die Neubürger, die Hilfe bei der Arbeitssuche oder bei der Qualifizierung für einen Job stehen jetzt im Mittelpunkt von Hoffmanns Arbeit. Asylbewerbern wird Integration im Arbeitsmarkt nicht leicht gemacht. „Teilweise kommen sie mit einem erlernten Beruf oder abgeschlossenen Studium zu uns. Das Anerkennen zu lassen, wird langsam besser, ist aber noch längst nicht optimal.“ So würden hoch qualifizierte Leute häufig als Hilfskraft in der Gastronomie landen oder müssten eine neue Ausbildung anfangen. Andere könnten eine Arbeit oder Ausbildung beginnen, wissen aber nicht, wie lange sie im Land bleiben dürfen.

Obwohl weniger Flüchtlinge nach Springe kommen, sei die Hilfsbereitschaft immer noch groß, freut sich Hoffmann. Sie begegne immer wieder Menschen, die ihre Hilfe anböten oder ihrem anfänglichen Engagement heute noch treu geblieben seien. Abgenommen habe dagegen die Spendenbereitschaft, weiß Britta Lehnhardt vom Kinderschutzbund. „Die Arbeit hat sich mit der Zeit stark verändert.“ Vor rund einem Jahr wären sie völlig überfordert gewesen, die zahlreichen Spenden zu ordnen und zu verteilen. Jetzt gehe es bei den Flüchtlingen nicht mehr um Kleidung, sondern um die Bewältigung des Alltags. „Viele Familien suchen Rat für die Behördengänge, brauchen Hilfe bei Asylanträgen oder bei der Suche nach einem Deutschkurs“, beschreibt Lehnhardt die Arbeit des Kinderschutzbundes.

Die Angebote, zum Beispiel der Schwimmkurs im Lehrschwimmbecken Bennigsen, werden immer noch nachgefragt. Ausflüge, ein Kochtag mit Frauen aus Syrien oder das Müttercafé seien wichtig für die Integration, sagt Lehnhardt. Aber auch Begegnungsstätten wie das Haus Einzigartig in Eldagsen mit integrierter Kleiderkammer förderten die Integration, das Haus sorge dafür, dass Berührungsängste abgebaut werden könnten. Wir haben viel Arbeit, aber es ist auch toll, bereichernd und es macht Spaß“, betont sie.

Die Entspannung der Flüchtlingssituation sieht sie allerdings zwiespältig. Durch ihre Arbeit hat sie zu vielen Familien eine Beziehung aufgebaut – und deren Schicksale kennengelernt. „Manche Angehörige leben noch im Ausland, die Familien sind mit den Gedanken in ihrer Heimat. Das ist unglaublich traurig und bewegend.“



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt