weather-image
11°
Mittelroder Seniorenkreis stärkt das Dorfleben / Pastorin berichtet aus Arbeit mit Strafgefangenen

„Ich komme nicht nur wegen des Kaffees“

Mittelrode (hil). Erika Ohlendorf geht mit der Kaffeekanne an der festlich gedeckten Tafel von Stuhl zu Stuhl, schenkt den älteren Besuchern den dampfenden Kaffee in die Tassen und fordert sie auf, ein Stück von dem selbst gebackenen Kuchen zu nehmen. Aufmerksam beobachtet Anke Theodor die Szene und eilt in die Küche, um Nachschub zu besorgen. Die beiden unterstützen Silke Herbst, die seit mehr als 15 Jahren ehrenamtlich jeden dritten Donnerstag im Monat den Seniorenkreis im Dorfgemeinschaftshaus Mittelrode gestaltet.

Anke Theodor, Pastorin Astrid Jürgena, Silke Herbst und Erika Oh

Mit einem Referenten diskutieren die Anwesenden bei Kaffee und Kuchen über ein selbst gewähltes Thema. Dieses Mal berichtete Pastorin Astrid Jürgena über den Jugendstrafvollzug in Hameln. Die 37-Jährige beschönigte in ihren Ausführungen nichts. „70 Prozent der 730 männlichen Gefangenen haben keinen Schulabschluss und 60 Prozent sind stark suchtmittelgefährdet“, erläuterte die Pastorin. Viele seien wegen Diebstahl und Raub, aber auch wegen Erpressung und Körperverletzung verurteilt. „Ich muss allerdings auch schlucken, wenn bereits 14-Jährige wegen ihrer kriminellen Energie im Strafvollzug sind“, räumte die Pastorin ein und erzählte, dass ein Gefangener damit geprahlt hätte, dass er in zwei Minuten ein Navigationsgerät aus einem Auto ausbauen könnte.

Astrid Jürgena betreut mit einer Kollegin seit sechs Jahren ein Schülerprojekt. Schüler der Berufsbildenden Schulen Springe und Hameln besuchen einmal im Monat eine ausgewählte Gruppe von Gefangenen. „Mir ist es wichtig, dass die Einsitzenden eine Begegnung erleben, bei der sie sich auf Augenhöhe fühlen“, sagte die Pastorin und erläuterte, dass Jugendliche eher etwas von Jugendlichen aufgreifen als von Erwachsenen. Viele Häftlinge hätten in ihrem sozialen Umfeld wenig Gutes erfahren und sollten über den regelmäßigen Kontakt mit den Schülern ein Stück Normalität erleben. Die Besuche sollten für die Gefangenen nicht nur eine willkommene Abwechslung sein, sondern auch als Vorbereitung auf ein Leben ohne Strafvollzug dienen.

Den rund 20 Anwesenden gefiel die Diskussion über Strafe, Schuld und Ursachen von krimineller Energie gut. „Ich komme immer gerne hierher“, sagte Elli Greve. „Nicht nur wegen des Kaffees“, räumte die 85-Jährige ein. Auch der soziale Kontakt sei ihr wichtig. Den Kuchen spenden übrigens Frauen aus Mittelrode. Ohne dieses ehrenamtliche Engagement wäre der Alltag weniger liebens- und lebenswert.



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt