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Herr Bettmann räumt auf

SPRINGE. Meckern über Unkraut können alle. Günter Bettmann steht der Schweiß auf der Stirn. Aber nicht vom vielen Meckern: Der 59-jährige Springer ist mit seinem Rollstuhl auf den Bürgersteig gefahren, mit Astschere auf dem Schoß und Gartenschere in der Tasche. Damit kämpft er. Gegen die Wildnis am Bahndamm am Deisterpfortenweg – und anderswo. Eine Herausforderung.

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Mischer

Autor

Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

„Wenn ich kann, möchte ich das machen, bis ich 70 Jahre alt bin“, sagt der Mann, der sich selbst gern Bett-Kraut nennt. Kraut, das ist das Unkraut, das überall wächst: an den Straßen, in den Rinnsteinen – und eben auch am Bahndamm. Und am Deisterpfortenweg, da ist es gerade besonders schlimm. „Hier kommen ja gar keine Kinderwagen mehr vorbei“, schimpft er. Und greift wieder zur Schere.

Nicht nur in Springe rückt der Rollstuhlfahrer dem Unkraut zu Leibe. Vor einem Jahr lebte er zeitweise in Bremen, dort haben sogar überregionale Zeitungen über ihn berichtet – unter der Überschrift „Rollstuhl-Fahrer soll kein Unkraut jäten“. In der Hansestadt wurde der Springer angemotzt, weil er das Unkraut zwar abschnitt – aber den weggeschnittenen Unrat nicht wegfegen konnte. Die meisten Bremer waren aber trotzdem begeistert von seiner Arbeit. Und manch einer bot ihm seine Hilfe an, um Grünschnitt und Müll von den Gehwegen zu fegen.

Auf Begeisterung stößt die Arbeit von Bettmann in Springe. Passanten, die den Mann mit seinen Handschuhen beim Jäten und Schneiden beobachten ihn, danken ihm für seine Arbeit. „Einmal haben mir die Anwohner auch einen Eisbecher mitgebracht“, sagt er. Aber darauf habe er es keinesfalls abgesehen.

Und manchmal packen auch Kinder mit an, die vorbeikommen. „Ich zahle ihnen dann ein paar Euro, ist ja gut, wenn sie das machen“, sagt Bettmann. „Aber es hat ihnen auch Spaß gemacht – und das ist das Wichtigste“, sagt der Mann, der die Arbeit selbst ehrenamtlich macht, ohne dass ihn dazu jemand aufgefordert hätte.

Die abgeschnittenen Äste wirft der 59-Jährige einfach zurück ins Gebüsch. „Anders schaffe ich es nicht“, räumt er ein. „Das große Problem ist einfach, dass sich niemand um diese Ecken kümmert. Das regt mich wirklich auf“, sagt der Springer. Und setzt mit der Schere erneut an einem Ast an.

Gar nicht gut zu sprechen ist Bettmann auf die Deutsche Bahn: „Die machen hier einmal im Jahr sauber, man sieht ja, dass das nicht reicht.“ Der Springer weiß, wovon er spricht, immerhin war er Jahrzehnte lang als Grünpfleger bei der Stadt Springe angestellt.

Ganz so bekannt wie in Bremen ist Bettmann hier aber trotzdem noch nicht. „Da hupen die LKW-Fahrer, wenn sie mich sehen“, sagt er. Durch seine Pflege-Aktionen ist er mittlerweile aber auch am Deister für etliche ein Gesicht, an das sie sich erinnern.

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