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Haus Einzigartig: Fluchtgeschichten und Fröhlichkeit

ELDAGSEN. Immer wieder betreten neue Gesichter das Kulturheim Einzigartig. Mit Kuchen in der Hand schlängeln sich die Gäste zwischen sausenden Kindern durch den lichtdurchfluteten Begegnungsraum. Ein Besuch in einer besonderen Einrichtung.

„Wir schaffen das“ ist in Eldagsen gelebte Integrationspraxis, dennoch wünschen Helfer den Flüchtlingen mehr psychologische Hilfe.

Autor:

Patricia SZabo

An den Kleiderbügeln hängt tadellos sortierte Kleidung für Frauen, Männer und Kinder. Besonders die Kinder und Jugendlichen fänden sich in der neuen Heimat zurecht.

„Sie gehen hier zur Schule und sind in Vereinen“. Mit Zuneigung berichtet auch Helferin Heidrun Dill über die Einrichtung des Hauses mit Sachen aus Haushaltsauflösungen. Die Geflüchteten hätten gleich nach ihrer Ankunft mitgearbeitet. Inzwischen betritt ein Afghane mittleren Alters den Raum. Nach einer herzlichen Begrüßung mit kräftigem Händedruck bedankt er sich bei Dill für die Unterstützung vor seiner bestandenen Führerscheinprüfung. Deutschunterricht und die Bewältigung von Alltagssituationen, das sei der Schwerpunkt der Einrichtung erklärt Dill. „Wir schaffen das“, betont sie und erklärt wie genau das Integration in Eldagsen funktioniert. „Durch das gemeinsame Anpacken gab es hier bisher keine Probleme“, sagt sie und glaubt, dass Brennpunkte so erst gar nicht entstehen könnten.

Besonderen Wert legt der Arbeitskreis Flüchtlinge auf ein gutes Miteinander. Zentral dabei: die Frauenarbeit. Jeden Dienstag haben die Frauen die Möglichkeit zu klönen, reden oder auch gemeinsam zu backen. „Diese Zeit für eigene Belange benötigen sie auch“, sagt Dill. In der Frühlingssonne auf dem Hof steht eine Gruppe Menschen um den Tisch. Aus Ton entsteht Eldagsen in Kleinformat.

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„Hier wird Deutsch gesprochen“, ermahnt Deutschlehrerin und Betreuerin Andrea Benneckenstein halb ernst, halb heiter, sobald die Gespräche ins Afghanische wechseln.

„Psychologische Unterstützung wäre notwendig. Sehr sogar“, sagt Benneckenstein, während sie den Ton knetet „ist aber nicht gegeben“. Gezielte Angebote zur Traumabewältigung von der Arbeiterwohlfahrt seien maßlos überlaufen, benennt sie ein Thema, das ihr unter den Nägeln brennt. Dabei sei die Bewältigung von Traumata unter professioneller Begleitung genau so wichtig wie ein sicherer Schlafplatz, ein voller Teller und Hilfe bei Behördengängen, damit die Erlebnisse der Vergangenheit die Flüchtlinge nicht immer wieder in ihrem neuen Alltag einholen.

So berichtet die Helferin von einer siebenköpfigen Familie, die aus dem Nordirak geflüchtet ist. Zwar hätten sich die Kinder gut eingelebt, die Eltern aber seien auch zermürbt vor Kummer und Sorge um den Teil der Familie, der noch im Krisengebiet ist.

„Wir können nur Mitgefühl geben. Diese Menschen brauchen Verständnis und Rücksichtnahme“, sagt Benneckenstein. Den deutschen Alltag mit all seinen Tücken zu erklären – das ist die primäre Aufgabe der freiwilligen Helfer. Ab und zu hapere es im noch an den besonderen Eigenarten der Deutschen wie Pünktlichkeit, Mülltrennung und Verkehrsregeln. Nicht nur die Betreuer berichten vom Alltag des Kulturheims. Auch der resolute fünfzehnjährige Monsour aus Badachschan, einer nordafghanischen Provinz, erzählt. Er besucht die 9. Klasse des Otto-Hahn-Gymnasiums und hat seine Fluchtgeschichte schon aufgeschrieben. „Das hat beim Verarbeiten geholfen“, verrät der Schüler.

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