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Hans-Christian Rohde: „Habe mal einen Drohbrief erhalten“

Seine Forschung ist in Wissenschaftskreisen anerkannt. Aber in Springe schätzen nicht unbedingt alle seine Arbeit. NDZ-Redakteur Ralf T. Mischer hat mit Göbel-Forscher Hans-Christian Rohde über seine Erfahrungen gesprochen – und darüber, wie er mit Kritik daran umgeht.

Spricht über seine Forschungen zum Thema Heinrich Göbel: Hans-Christian Rohde während des Fest-Aktes im Vortragssaal des Museums. FOTO: MISCHER

Wie lange haben Sie sich auf den Vortrag zum 200. Geburtstag vorbereitet?

Weiß ich auch nicht, ich habe da ja nicht immer dran gesessen, aber mich in den letzten vier Wochen schon ziemlich intensiv damit beschäftigt.

Wenn Sie die Vorbereitungen im weiteren Sinn auch mit einbeziehen? Seit wann befassen Sie sich mit dem Thema Göbel?

Seit 1999. Damals bin ich in das Thema eingestiegen und das Buch zu schreiben hat dann sieben Jahre gedauert. Ich war natürlich damals noch berufstätig und habe nur in meiner Freizeit und in den Ferien daran gearbeitet. Ich bin dann auch zum Beispiel nach Chicago ins Archiv gefahren während der Sommerferien. Das war für mich ein tolles Ereignis, sich dort umzuschauen. Chicago war für mich besonders wichtig wegen der vielen Zeugenaussagen im Archiv dort. Der Leser aber wird sich wundern, wenn von New York nicht die Rede ist, denn er weiß ja, dass Göbel in New York war.

Wie kamen Sie auf die Idee, über das Thema Ihre Dissertation zu schreiben?

Der Anstoß war im Jahr 2004 das 150-jährige Jubiläum der Glühlampe. Ich bin ja Mitglied des Museumsvereins, wir hatten damals auch überlegt, was wir zu dem Anlass machen könnten. Da habe ich angefangen, für dieses 150-jährige Jubiläum zu recherchieren. Und dann stellte ich eben fest, nach weiteren Recherchen, dass es an dieser Göbel-Geschichte große Zweifel gibt. Das hat mich dann dazu gebracht, dass ich da tiefer einsteigen will. Aber mir war klar, dass ich zum Stichtag 2004 nichts veröffentlichen werde – denn wenn ich etwas veröffentliche, werde ich eine große Provokation verursachen. Und die Gegner werden da sein. Mir war klar, dass ich das nur mit Rückendeckung der Universität machen kann. Also bin ich zu Professor Hauptmeyer gegangen, der ja auch in Springe wohnt, und der hat mir angeboten, eine Dissertation daraus zu machen. Es muss eben irgendwie autorisiert sein.

So groß war die Kritik bislang ja nicht – bis auf die Göbel-Freunde, die einen Gegenakzent setzten und an seinem Denkmal einen Kranz niederlegen wollten.

Ich war dort auch, das hatte ich mir fest vorgenommen. Ja, ich habe volles Verständnis für diese Herren, die da so engagiert sind. Ich glaube, dass das liebenswürdige Herren sind, die vielleicht selbst vor Liebe zu Göbel etwas blind sind.

Sie haben ja während ihres Vortrages gesagt, dass Sie durch die lange Beschäftigung mit Göbel selbst ein bisschen verliebt in ihn sind.

Ja, das stimmt. Er wurde aber damals hochverehrt – sozusagen als Heiliger – und da musste ich erst einmal einen Gegenakzent setzen. Das war natürlich auch ein bisschen krass, das gebe ich zu. Er war zwar nicht der Erfinder der Glühlampe und er war auch kein Miterfinder der Glühlampe. Er hat ein Anwender-Patent zur Glühbirne gehabt. Die Glühbirne war schon da – und er hat sich da dran gehängt. Leider war das wirtschaftlich wertlos, weil keiner es haben wollte. Aber für ihn war es wertvoll, denn er hatte Spaß daran und er war glücklich. Und er hat sich gefreut, dass er in der New York Times erwähnt wurde. Er war jemand, der acht Kinder durchgebracht hat und das war eine große Leistung, als Immigrant in New York Fuß zu fassen. Und die Idee mit den Fernrohr-Rundgängen war sehr kreativ – aber dass er dabei eine Glühlampe hatte, war undenkbar.

Sie sind für die Recherche ziemlich tief in die Familiengeschichte von Göbel eingedrungen.

Ja, ich habe alle Daten, die man kriegen kann. Zum Beispiel seine Eides-Erklärung für die amerikanische Staatsbürgerschaft. Da muss man überall schauen, ob man Hinweise findet, die einen weiterbringen.

Sehen Sie sich als Denkmalstürmer?

Nein, ich finde es gut, wenn man Göbel im Zusammenhang mit der Glühlampe erwähnt, auch auf den Denkmälern. Oft wurde Göbel als Erfinder der Glühlampe und deshalb als Werbung für Springe gesehen – und das geht nicht. Ich erwarte, dass die Stadt Springe, die immer für Göbel als der Erfinder getrommelt hat, nun anerkennt, dass der Erfinder der Glühlampe Herr Edison ist. Wenn Springe das nicht tut, macht Springe sich lächerlich. Es ist ja so, dass man nur in Springe eine Vorstellung von Göbel hat. Wenn man mal 20 Kilometer weiter wegfährt, weiß keiner, wer Heinrich Göbel ist. Springe wurde da ein Kuckucksei ins Nest gelegt.

Über Jahrzehnte wurde diese Legende immer weiter befördert. Haben Sie erfahren, dass Menschen Sie persönlich angegriffen haben, weil Sie dieses Kapitel aufgearbeitet haben?

Nein. Also ich habe damals, als das Buch veröffentlicht wurde, mal einen Drohbrief erhalten. An die Drohungen kann ich mich aber nicht mehr erinnern und ich habe mich auch nicht wirklich bedroht gefühlt. So funktioniert nun mal historische Forschung: Es ist ja immer irgendeine Vorstellung von der Vergangenheit da. Es ist eben die Aufgabe der Geschichtswissenschaft, die Bilder der Vergangenheit zu prüfen.

Und das tut manchmal weh. Haben Sie sich bei den Göbel-Freunden entschuldigt?

Das hat sich wohl erübrigt.

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