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Warum eine 83-Jährige aus Völksen mit ihren Puppen schon 27 000 Kinder glücklich machte

Glaube, Liebe, Hoffnung

Völksen. Leises Surren. Der metallische Klang einer Schere. Zwischen Stoffballen und Füllwatte sitzt Beate Ziethe an ihrer nagelneuen Nähmaschine. In ihrem Zimmer eines Seniorenheimes in Hannover arbeitet die 83-Jährige aus Völksen noch immer unermüdlich. Mehr als 27 000 Puppen hat sie selbst handgefertigt, um damit armen Kindern in aller Welt eine Freude zu machen.

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Autor:

Christiane Nievelstein-Bläsche

Ein ereignisreiches Leben liegt hinter Beate Ziethe. 1930 in Pommern in eine gottesfürchtige Familie geboren, siedelte sie mit ihr 1936 nach Völksen. Vater Johannes Paul Wilhelm Ziethe nahm seine Arbeit als Pfarrer auf. Der Bruder Joachim Ziethe (er starb vor zwei Monaten) folgte seinem Vater einige Jahre später und wurde Pastor in Holtensen. Beate träumte von einem Leben als Kinderärztin. Nach dem Matheabitur mit Bestnote habe ihr die Welt auch offen gestanden – aber das Leben plante Umwege.

„Zur Festigung meines Glaubens mit der Aussicht auf die schöne Welt“, erzählt sie lächelnd, habe sie sich für ein Studium der Theologie und der französischen Sprache entschieden. Gewissensbisse und hohe Studiengebühren ließen die Pfarrerstochter wieder umsatteln, so wurde sie Fremdsprachenkorrespondentin, später Lehrerin – und schließlich Puppenschöpferin.

Die Seniorin erinnert sich gerne an die ersten selbst erschaffenen Puppen, an die Zeit, als sie ihren ersten Nähkurs belegte. „1986 habe ich in einem Geschäft eine kleine genähte Puppe entdeckt, die in einem Strampelsack steckte“, erinnert sie sich. Es war die Inspiration für ihr eigenes Modell. Anfangs sei es zwar eine Herausforderung gewesen, von den „großen“ Puppen, die sie im Nähkurs verinnerlicht hatte, auf die minimalistische Form auszuweichen. „Alleine die Gesichter, oder besser gesagt die Augen, waren schwierig“, gesteht sie.

Schließlich sei ihr im Bastelkurs die Bemalung der Stoffgesichtchen beigebracht worden. „Von groß auf klein,“ verrät die rüstige Perfektionistin, „ich war mit den ersten kleinen Ergebnissen nicht zufrieden, ich tat mich schwer mit den Details und so habe ich mich entschieden, ,Schlummerlies‘ zu fertigen“ – Puppen mit geschlossenen Augen. Bis zu 20 Stück erblickten seitdem an einem Tag das Licht der Welt. Eine weitere Anregung kam von ihrer Schwester. „Sie hatte immer heimlich auf den Moment gewartet, in dem die Püppchen die Augen öffnen würden“, schmunzelt Ziethe. So perfektionierte sie ihre Arbeit erneut und schenkte den Puppenkindern das Augenlicht.

Aus dem anfänglichen Hobby wurde eine Leidenschaft mit dem Ergebnis einer fast unübersehbaren Vielzahl an Püppchen. Jedes Zimmer des Hauses in Völksen beherbergte Dutzende der kleinen Gesellen im Strampelsack. Jeder Schlussverkauf endete mit Stoffballen, Garnen und Füllwatte für neue Werke. „Ich musste etwas ändern, verschenkte eine große Zahl, aber so viele konnte niemand brauchen“, erinnert sie sich, während sie bereits neue Stoffe zerschneidet. „Den Schnitt habe ich über die Jahre „optimiert“, da gibt es kaum noch Abfall“, erklärt sie und arbeitet geschickt am bunten Gewebe.

Ähnlich wie beim Ausstechen von Keksteig entstehen Körper am laufenden Band. Ein „Kleidchen“, wie Ziethe den Körper der Puppen nennt, grenzt an das Nächste. Naht an Naht, ohne Verluste. „Verschnitt kostet Geld“, sagt sie. „Irgendwann kam ein Missionsbrief“, erinnert sich die Seniorin. „Man sammelte für Nahrung und Kleidung. Ich erkundigte mich, ob das Geld auch für Spielzeug für die Kinder reicht.“ Die Antwort erschreckte sie: „Kein Geld für Trostspender.“ In dem Moment stand für Ziethe fest, dass sie helfen muss. Sie packte die ersten Kisten mit Püppchen und schickte sie nach Afrika.

Seit 1993 führt sie Buch über die Entstehung der kleinen Püppchen. 27 000 Exemplare hat sie inzwischen in die Welt verschickt und mit dem Wunsch versehen, ein wenig Glück zu bringen. Dankesbriefchen und Fotos aus Afrika, Südamerika und Asien hat sie bekommen. Ans Aufhören denkt Beate Ziethe nicht. Fünf Stunden Arbeit täglich – außer sonntags – halten sie fit. Nur die alte Nähmaschine ist inzwischen im Ruhestand.

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