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Geschichte und Geschichten zum „Heinerich“

SPRINGE. Sechs Jahre nach Kriegsende wurde so kräftig gefeiert wie noch nie: Mariechens Rückkehr zum Marktbrunnen, ihre Eheschließung mit „Heinerich“ und dessen feierliche Bestallung als Ratsnachtwächter. Im Anschluss daran die Grenzbeziehung mit Umzug, einige Wochen später Betriebsjubiläum der Firma Bähre.

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Autor:

Ulrich Manthey

Höhepunkt war die Einweihung des Nachtwächter-Wegweisers, zu der sich am 23. Juni 1951 frühmorgens mehrere hundert Einwohner im Stadtzentrum versammelten. Das Ereignis wurde sogar vom Nordwestdeutschen Rundfunk übertragen.

In Anwesenheit von Stifter Friedrich Bähre spielte zum Auftakt die Feuerwehrkapelle, bevor Holzbildhauer Helmut Benna für sein Werk eine „Anerkennungs-Urkunde“ erhielt und der Stadtförster den „Heinerich“-Wegweiser enthüllte. Nach Verlesen der Bestallungsurkunde fragte der in der Robe des Standesbeamten gekleidete Stadtdirektor, ob das Paar die Ehe eingehen wolle. Für den neu ernannten Ratsnachtwächter antwortete dessen geistiger Schöpfer Heinrich Hüper mit einem „lauten Ja“. Als er noch etwas in Springer Platt ergänzen wollte, „wurde ihm leider das Wort abgeschnitten“. Die Zeremonie endete mit dem Spannen eines roten Bandes zwischen der Kiepenfrau und ihrem Gatten als „Zeichen der Treue und Liebe“.

Aus dem von Heinrich Hüper verfassten „Klönsnack“ zwischen den beiden Figuren in der NDZ geht hervor, dass sich „Heinerich“ während der Flitterwochen mehr um seine Amtsgeschäfte als um seine frisch angetraute Kiepenfrau kümmerte. Diese reagierte bald recht eifersüchtig auf die an ihr Mann gerichteten, in der Heimatzeitung veröffentlichten Briefe von Leserinnen aus Wuppertal, Wattenscheid und Südwestafrika. Am Ende des siebenten Ehejahres war die Beziehung zwischen den beiden offenbar abgekühlt; denn das bis dahin regelmäßige Zwiegespräch des ungleichen Paares wurde nur noch äußerst sporadisch bis 1965 fortgesetzt.

Seine Gattin wenigstens an den Hochzeitstagen mit einer Aufmerksamkeit zu bedenken, vergaß der Kerl. Immerhin erhielt die Kiepenfrau 2011 zur diamantenen Hochzeit endlich einmal einen Blumenstrauß. Mit dem bei der Feier anwesenden Gerhard Mestwerdt hatte der hölzerne „Heinerich“ mittlerweile einen lebendigen Doppelgänger bekommen, dessen humorvolle Stadtführungen sich zur Attraktion entwickelt haben.

Die Ulkfigur des Ratsnachtwächters ist zwar Bestandteil der jüngeren Springer Geschichte geworden, ein konkreter historischer Bezug zu seinen realen Vorgängern existiert jedoch nicht. Diese sorgten zwar einst – in älterer Zeit vielleicht auch mit Hellebarde bewaffnet – für die Sicherheit der Bürger, die das nächtliche Ankündigen jeder vollen Stunde allerdings überhaupt nicht lustig fanden. Sobald das Tutehorn ertönt, „bellt der große Nachtwächter-Hund“, heißt es 1881 in der NDZ. „Alle großen und kleinen Köter stimmen in dieses Concert ein und so haben wir in jeder Nacht das Vergnügen, stundenlang von dem Gekläff und Gebell sämtlicher Hunde der Nachbarschaft wach erhalten zu werden.“

In kuriosen Reimen wird der Gram der Einwohner zusammengefasst:

„Habt solchen Lärm Ihr dann vernommen,

So seid Ihr völlig um den Schlaf;

Ihr könnt nicht mehr zur Ruhe kommen

Und wälzt Euch wie ein drehkrank Schaf.“

Rund drei Jahre später, als der Magistrat einen zweiten Aufpasser für die angewachsenen Außenbezirke der Stadt einstellte, wurde wie zuvor bereits in Eldagsen und Münder das Tutehorn durch eine Trillerpfeife ersetzt.

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