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Geflüchtete vertonen persönliche Schicksale im Hermannshof

VÖLKSEN. Haiders Großmutter ist 115 Jahre alt und hält nichts von Waschmaschinen – „die machen die Wäsche nicht sauber“, ist sie überzeugt. Was aus deutscher Sicht kurios erscheint, ist für Haider Teil seiner persönlichen Geschichte. Und die hat der junge Iraker während eines Projekts auf dem Hermannshof vertont.

Haider, zweiter von links, erzählt in einer Tonaufnahme von seiner 115-jährigen Großmutter, die keine Waschmaschine haben will. Im Team tragen die sechs jungen Männer ihre Arbeit der letzten Tage auf dem Hermannshof zusammen. Foto: Ackermann
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Juliet Ackermann Volontärin zur Autorenseite

Sechs junge Geflüchtete haben am Freitag einen einwöchigen Hörspiel-Workshop beendet – mit Interviewsequenzen, Erzähleinheiten, Hörspielszenen, unterlegter Musik und Geräuschen. Das Fazit der Teilnehmer fällt durchweg positiv aus: „Die Arbeit gefällt mir. Es hat viel Spaß mit euch gemacht. Toll, dass wir uns kennengelernt und als Team zusammengearbeitet haben“, fasst Falah zusammen. Außer der Arbeit loben die jungen Männer auch die Kochkünste von Eckhart Liss, dem Leiter des Völksener Hermannshofs.

Zur Verfügung standen der Gruppe Laptops, Aufnahmegeräte, Kopfhörer sowie Kopfhörerweichen, die vom Mediencenter der Region geliehen waren. Vor allem aber: Das Fachwissen zweier Experten: Janine Lüttmann, freie Hörspielregisseurin aus Hannover, und Marko Pauli, freier Hörfunkautor aus Hamburg, unterstützten die Gruppe bei der Umsetzung ihrer Ideen. „Sie sind die Spinnen im Netz“, erklärte Liss, „sie bringen Professionalität mit rein, gehen aber auch auf die Inhalte ein“. Lüttmann und Pauli signalisierten, dass auch ihnen die Arbeit Spaß gemacht habe. Lüttmann war überrascht, wie die Geflüchteten in ihren Audioaufnahmen ernste Inhalte mit humoristischen Elementen mischten, etwa indem sie Frauenstimmen nachahmten.

In 18 Audioeinheiten von je drei bis vier Minuten Länge tragen die jungen Männer ihre persönlichen Geschichten zu den Themen Zukunft und Heimat vor. Dabei stellen sie sich gegenseitig die Frage: „Wo siehst du dich in zehn Jahren?“ Ihre Geschichten handeln von Familie, Freunden, von der Schulzeit – auch, wenn die teilweise nur zwei Jahre lang war –, von der Arbeit als Schafhirte oder Grenzkontrolleur. Aber auch von der Leidenschaft für den Sport, für schnelle Autos, dem Wunsch, eine Partnerin zu finden und eine Familie zu gründen; dem Verlangen nach einem ruhigen Leben ohne Terroristen in einer eigenen Wohnung mit Hauskatze. Lüttmann war erstaunt über die realistischen Wünsche der Geflüchteten, die mitunter Krankenpfleger oder Automechaniker werden wollen.

Hazem und Firas interviewen sich gegenseitig. Foto: Ackermann

Die teilnehmenden Iraker Hazem, Firas, Dariwan, Falah, Haider und Ghasi sind zwischen 17 bis 23 Jahre alt. Sie gehören der religiösen Minderheit der Jesiden an. Als sehr an Bildung interessiert, „zuvorkommend, höflich und zuverlässig“ beschreibt sie Projektleiter Wolfgang Würriehausen. Die größte Herausforderung für die Männer sei nicht gewesen, die eigene Lebensgeschichte zu reflektieren, sondern sie in deutsche Worte zu fassen und wiederzugeben. Von Vorteil war dabei, dass sie der gleichen Nationalität angehören und deshalb einander helfen konnten. An verschiedenen Arbeitsstationen entwickelten sie in Gruppen Geschichten und setzten sie unter Anleitung kreativ und technisch um. Vorteilhaft sei auch gewesen, erläutert Würriehausen, dass die Gruppe nur aus sechs Personen bestand. So hätten die Betreuer individuell auf die Teilnehmer eingehen können.

Damit auch andere Personen von den einzelnen Schicksalen der Teilnehmer erfahren, werden die Aufnahmen veröffentlicht. „Die Audiocollagen werden nun in den Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen präsentiert. Sie sollen nachhaltig Schulen zur Verfügung stehen“, erklärte Würriehausen.

Hazem möchte die Aufnahmen nutzen, um sie seiner Familie, Freuden und Bekannten vorzuspielen und dazu animieren, bei integrativen Workshops des Hermannshofs mitzumachen: „Wenn das Team groß ist, kommen viele unterschiedliche Ideen zusammen.“ Der 17-Jährige, der seit einem Jahr in Springe lebt und die Berufsbildende Schulen – Kooperationspartner des Projekts – besucht, ist zum zweiten Mal bei einem Hermannshof-Workshop dabei. Er stammt ursprünglich aus Shingal im Nordirak. Sein Ziel ist es, Krankenpfleger zu werden – später vielleicht auch Polizist, wenn seine Deutschkenntnisse ausreichen.



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