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Flüchtlingssozialarbeiterin Amelie Morr zieht Bilanz

SPRINGE. Obwohl derzeit weniger Flüchtlinge nach Springe kommen, heißt das nicht, dass die heimischen Flüchtlingssozialarbeiter weniger zu tun haben. Eine von ihnen, Amelie Morr, macht jetzt auf Probleme aufmerksam. Einige davon sind hausgemacht.

Hier könnte bald ein Mitarbeiter fehlen, wenn die Stadt keine Lösung findet: Die Flüchtlingsunterkunft „Im Reite“. FOTO: MISCHER
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Saskia Helmbrecht Redakteurin zur Autorenseite

480 Flüchtlinge sind aktuell in Wohnungen und den drei Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Das Problem: In der Einrichtung „Im Reite“ ist lediglich ein Mitarbeiter beschäftigt, der sich um die Bewohner kümmert, die eine besondere Betreuung benötigen. Zum 1. April läuft sein Arbeitsvertrag allerdings aus. „Es ist unabkömmlich, einen Hausmeister vor Ort zu haben. Er ist ein direkter Ansprechpartner für die Bewohner und leitet Anfragen an uns weiter“, betont Morr während der Sitzung des Sozialausschusses.

Und der Hausmeister sei aus einem weiteren Grund unerlässlich: Einige Springer stellten Möbel und Kleiderspenden einfach vor das Haus. „Ich weiß, sie meinen es nur gut, aber sie wissen nicht, wie viele das machen, sodass sich die Möbel dort schon stapeln“, weiß Morr – und weist darauf hin, dass es Anlaufstellen für die Spenden gäbe, wie zum Beispiel das Möbellager. „Es ist auch schon vorgekommen, dass da Elektroschrott abgeladen wurde, die Entsorgung kostet die Stadt dann sogar noch Geld.“

In der neuen Unterkunft an der Friedrich-Bähre-Straße leben bereits 13 Flüchtlinge, 31 weitere kommen bis Ende des Jahres dazu, sodass die Einrichtung komplett belegt sein wird. Die meisten Flüchtlinge in Springe kommen aus Syrien, 130 aus den Balkan-Staaten und über 80 aus dem Irak. Drei Sozialarbeiter in der Flüchtlingssozialarbeit und drei Mitarbeiter, die Sozialleistungen bearbeiten, kümmern sich um die Neuankömmlinge. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Ehrenamtliche.

Die Mitarbeiter stellen fest, dass es einen hohen Bedarf an Sprachkursen für weibliche Ankömmlinge gibt. „Viele Frauen kümmern sich um kleine Kinder, an Sonnabenden können dann die Männer aufpassen, sodass sie den Sprachkurs besuchen können“, weiß Morr. Dieser Kurs ist aber bereits komplett ausgebucht. „Es gibt viele weitere Frauen, die gerne den Kurs besuchen möchten, wir sind im Gespräch, das Angebot auszuweiten.“

Neben den Sprachangeboten gibt es ein beherrschendes Thema bei den Mitarbeitern und Ehrenamtlichen: die Ausweisung der Flüchtlinge. Sechs Familien werden in den kommenden sechs Wochen ausreisen müssen, in den vergangenen zwei Wochen waren es ebenfalls drei Familien, die gegangen sind.

„Viele Integrationslotsen bauen während der Betreuung eine familiäre Beziehung zu den Flüchtlingen auf, jetzt brauchen sie dringend selbst Unterstützung, um mit der Situation umgehen zu können, da besteht dringend Handlungsbedarf“, appelliert Morr. Gleichzeitig benötigen die Geflüchteten Unterstützung. „Jetzt manifestieren sich erst die psychischen Erkrankungen. Durch die neue Situation in einer Stadt gehen Ehen kaputt, es kommt zu Gewalt, da brauchen sie viel Beratung.“

Der neue Ortsbürgermeister in Springe, Karl-Heinz Friedrich, hat auch noch eine ganz andere Sorge. Aus der Sicht des ehemaligen Kontaktbeamten der Polizei sei ihm mehrfach aufgefallen, dass die Flüchtlinge mit Fahrrädern ohne Beleuchtung unterwegs seien – und auch die deutschen Regeln im Straßenverkehr nicht kennen. „Mit der Entstehung der Fahrradwerkstatt ist auch geplant, künftig Kurse anzubieten und einen kleinen Fahrrad-Führerschein zu organisieren“, berichtet Morr.

Information

Subsidiär Schutzberechtigte sind in der EU mit Ausnahme von Großbritannien, Irland und Dänemark, Ausländer, denen ein ernsthafter Schaden drohen würde, wenn sie in ihr Herkunftsland abgeschoben werden würden. Als ernsthafter Schaden im Sinne dieses Artikels gilt: die Verhängung oder Vollstreckung der Todesstrafe, Folter oder unmenschliche oder erniedrigende Behandlung und eine ernsthafte individuelle Bedrohung des Lebens oder der Unversehrtheit einer Zivilperson infolge willkürlicher Gewalt im Rahmen eines internationalen oder innerstaatlichen bewaffneten Konflikts. Bedeutet konkret: In Springe erhalten derzeit alle Syrer einen subsidiären (also behelfsmäßigen) Schutz. Der Nachteil: Der Status wird zunächst nurfür ein Jahr erteilt, der Familiennachzug wird für die ersten zwei Jahre ausgesetzt und die Integration in den Arbeitsmarkt fällt schwerer, weil der Aufenthalt mit mehr Unsicherheit behaftet ist.



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