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Flucht vor IS: Familie findet in Springe zurück ins Leben

Manchmal bedarf es der Kontraste, um das ganze Bild sehen zu können: Hier der Kaffee, die Kekse, die Oster-Serviette. Daneben die Fotos aus der IS-Hölle, getötete Kinder, Menschen in Käfigen. In Springe findet eine jesidische Familie nach ihrer Flucht zurück ins Leben. Wir haben sie besucht.

Zwischen bösen Erinnerungen und froher Gegenwart: Familie Hasan am Wohnzimmertisch in Springe.
Mischer

Autor

Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Gründonnerstag, 14.30 Uhr, Springe. Über die Serviette, auf der Kekse, Schokoriegel und eine Apfelschorle stehen, watscheln kleine gelbe Comic-Osterhühner und auf dem Tisch dampft eine Tasse heißen Kaffees. Auf der anderen Seite, gegenüber der Serviette, hat Qawal Hasan Fotos ausgebreitet, Fotos aus den vergangenen Jahren, schockierende Fotos, auf denen getötete Kinder, die im Schmutz liegen, zu sehen sind, Menschen, die in einem Käfig eingesperrt sind und die darin elendig verbrennen. Es sind Fotos der Bilder, die Hasan seit der Flucht vor den Schergen des Islamischen Staates im Kopf herumspuken. Auch während des Osterfestes, das der Jeside mit seiner Familie in Springe feiert.

Es war ein Sonntag, als sie kamen; nachts um zwei Uhr flogen plötzlich die Raketen des IS auf die Stadt Shingal im Nordirak. Die Einwohner, viele von ihnen wie Hasan Jesiden, Zivilisten, einfache Menschen, waren schutzlos. „Die Raketen kamen von allen Seiten“, sagt Hasan, ein Sohn übersetzt, „es war schrecklich“. Ihm und seiner Familie gelang die Flucht.

Die jesidische Religion ist eine monotheistische Religion, deren Wurzeln 2000 Jahre vor dem Christentum liegen. Und in diesem Jahr feierten die Jesiden ihren Roten Mittwoch – das ist so etwas wie das jesidische Neujahrsfest, kurz vor Ostern mitten in der Karwoche. Da wird getanzt, gemeinsam gegessen, gesungen, auch Hasan feierte mit bei der großen Veranstaltung in Hameln. So ganz kann er diese Szenen, die Bilder der getöteten Kinder, der Verhungerten, der zerfetzten Körper, nicht aus seinem Kopf verbannen.

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„Es gab niemanden, der uns helfen konnte, wer gefasst wurde, wurde getötet“, sagt der Familienvater, dem schließlich mit seiner Frau und seinen vier Jungen die Flucht ins Gebirge gelang. Fast 10 000 Menschen harrten dort oben aus, eingekesselt von den Terroristen des Islamischen Staates. „Es gab fast kein Wasser, wer welches hatte, hat es mit den anderen geteilt“, getrunken wurde nicht aus einem Glas, sondern aus einem winzigen Flaschenverschluss, damit die Flüssigkeit für alle reichte, die trinken wollten, erinnert sich der Familienvater. Weil es heiß gewesen sei, seien besonders viele Kinder verdurstet. „Wir hatten Hunger, manche aßen sogar Blätter, viele starben“, sagt Hasan.

Der Rote Mittwoch gilt in der jesidischen Gemeinschaft als Geburtstag der Erde, ein Symbol dafür sind auch die bunt gefärbten Hühnereier, die im Wohnzimmer in Springe auf dem Tisch stehen, direkt neben den Fotografien des Grauens. An diesem Tag, wie im ganzen April, darf nicht geheiratet und nicht gestritten werden, nur die Versöhnung ist erlaubt. Während der Vertreibung und der Flucht war ans Feiern nicht zu denken, sagt Hasan.

Nach den Raketen kamen die IS-Schergen, „sie töteten alle, die nicht fliehen konnten“. Frauen wurden versklavt, also für Geld verheiratet und später für Geld weiterverkauft, „Frauen, die sich dagegen wehrten, wurden erschossen, erschlagen, manche wurden auch verbrannt“, sagt der Familienvater, der bis heute traumatisiert ist. Irgendwie gelang es ihm und seiner Familie, die aus Angst, auch hier in Deutschland, nicht namentlich genannt werden will, die Flucht in die Berge.

Die Zahl der in Deutschland lebenden Jesiden wird auf über 200 000 geschätzt. Hauptsiedlungsgebiet der Jesiden ist der Nordirak. Aber auch in den kurdischen Teilen der Türkei, in Syrien, Armenien leben Jesiden, heute sind Jesiden, wegen Flucht und Vertreibung, überall auf der Welt, verteilt wie die Streusel auf einem Kuchen.

Der Familie gelang über die Türkei und Griechenland die Flucht nach Deutschland; sie saßen in einem Auto, im Bus, fuhren mit dem Schiff, an viele Sachen kann sich Hasan heute nicht mehr erinnern, andere hat er vermutlich erfolgreich verdrängt, weil sie seinen Seelenfrieden stören – und weil er endlich vergessen möchte.

In Springe lebt die Familie seit 2016. Und mit der Serviette, auf der die Comic-Osterhühner watscheln, kehrt auch bei ihr langsam ein Stück Normalität zurück. Doch die düsteren Bilder, sie werden wohl bleiben.



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