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Nach Entdeckung des „Sensationsfunds“ im Deister kochen hinter den Kulissen die Emotionen hoch

Findlings-Streit: Der Stein des Anstoßes

Springe. Eiszeit zwischen den Institutionen: Der vor ein paar Wochen im Deister geborgene Findling (NDZ berichtete) sorgt für Unruhe hinter den Kulissen. Vorgestern verkaufte Wissenschaftsministerin Johanna Wanka die Entdeckung als „Sensationsfund.“ Der Verein Naturhistorische Gesellschaft Hannover (NGH) beansprucht plötzlich alle Rechte für sich – und das Springer Museum wird verbal aufs Schärfste angegriffen.

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Autor:

Markus Richter

So sieht es zumindest Angelika Schwager. Die Einrichtungschefin und ihr Team müssen sich seit der Berichterstattung mit den Mails wütender Geschichtsforscher auseinander setzen. „Die NGH verbittet sich jede weitere Einmischung Ihrerseits in unsere Angelegenheiten“, empört sich Dr. Dieter Schulz, Vorsitzender der NGH. Dies gelte insbesondere für die Verbreitungen in Medien aller Art. Dokumentationen seien allein der NGH vorbehalten. Auch der im NDZ-Bericht erwähnte Finder des 170 Kilogramm schweren Brockens, Hobby-Geologe Ole Schirmer, teilt passenderweise zeitgleich mit, dass Schwagers Vorgehen „im höchsten Maß unanständig“ sei. Das Springer Museum hätte keinerlei Anteil an der Arbeit, dem Fund oder wissenschaftlichen Interpretation.

Schwager weist dies entschieden zurück und fühlt sich von Schirmer persönlich attackiert: Schon seit Jahren widme sie sich dieser Forschung, etwa in der Schillathöhle. Schließlich war sie es auch, die den zweiten, kleineren Findling im Süntel ausmachte, der die neue Kaltzeit-These stützt. Zudem seien die Springer Historiker eingeladen worden, dabei zu sein. Fotos belegen die tatkräftige Mitarbeit etwa von Handwerker Jörg Wolf bei der Bergung des Steins. Im Anschluss hatten alle Beteiligten gemeinsam mit Sekt angestoßen.

„Dieses Verhalten ist infam – wir sind doch keine Verbrecher“, beschwert sich Schwager. Niemals habe sie den Findling für das Museum oder gar für sich beansprucht. Helmut Busse, Vizechef des Museums, bewertet das Vorgehen der NGH als Widerspruch zur im Grundgesetz verankerten Pressefreiheit. Die Entdeckung sei schließlich kein Staatsgeheimnis, sondern liefere lokal wichtige Erkenntnisse über die Frühgeschichten im Deister-Sünteltal.

Der 510 Millionen Jahre alte Stein aus Südschweden wurde vor 127 000 bis 400 000 Jahren auf einer mindestens 5000 Jahre dauernden Reise im Eis in den Deister transportiert. Er gilt als Beweis dafür, dass der gesamte Höhenzug anders als bislang vermutet unter einer Eisdecke gelegen haben muss – und dass die Elster-Kaltzeit von Skandinavien viel weiter nach Mitteleuropa gelangt war als gedacht.

Hintergrund der Aufregung bei der Naturhistorischen Gesellschaft ist offenbar die geplante Publizierung eines „Deister-Buchs“. Der Schritt in die Öffentlichkeit war von dem Verein selbst geplant – und, so darf spekuliert werden, auch darum, um den Verkauf des Werkes anzukurbeln. Schwager sagt indes nüchtern: „Der Stein gehört sowieso niemanden – außer dem Land.“



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