weather-image
25°
Warum am Bahnhof noch kein Parkplatz entsteht, dafür aber Gebäude verkommen

Endstation Finanzpoker

Springe. „Katastrophal“: Günter Stolte spricht vielen aus der Seele, die mit der Bahn nach Springe anreisen. Unweigerlich sehen sie die alten Güterschuppen, die immer mehr verfallen. Der Vorsitzende des Verkehrsvereins fordert, den Schandfleck schnellstmöglich zu beseitigen. Doch das Verfahren ist festgefahren – weil um viel Geld gepokert wird.

270_008_6703363_prio_bahnschuppen1.jpg

Autor:

Markus Richter

Seinen Anfang nahm das Dilemma schon vor vielen Monaten: Die Stadt konnte gegenüber der Deutschen Bahn kein Vorkaufsrecht geltend machen. Also ging das Eigentum an einen finanzstarken Investor über. Der wiederum wollte und will eine Park-and-Ride-Anlage bauen. Dass die kostenpflichtig sein soll, ist der Region ein Dorn im Auge. Als Verkehrsbehörde verfolgt sie ein anderes Ziel: nämlich Anreize zu schaffen, Busse und Bahnen zu nutzen. Die Region und die Planungsfirma Archidea stehen in Verhandlungen. So zumindest lautet die offizielle Begründung für die Verzögerungen beim Parkplatzbau. „Wir verweisen auf den kostenlosen Parkplatz an der Jägerallee“, sagt Regionssprecher Klaus Abelmann. Drängt sich der Verdacht auf, dass es der Firma mit Sitz in Herford herzlich egal ist, wie das Gelände im fernen Springe aussieht. „Es geht um die Buswendeschleife – und es geht ums Geld“, erklärt Abelmann. Weitere Details dürfe er derzeit nicht nennen. Bei Archidea war gestern niemand für eine Stellungnahme erreichbar.

Der Projektentwickler hatte die Auflage von der Stadt bekommen, auf der P+R-Anlage eine Wendemöglichkeit für Linienbusse zu schaffen. Die Region teilte in dieser Woche im Verkehrsausschuss mit, sie werde sich an den baulichen Mehrkosten beteiligen, die Stadt springe bei der Unterhaltung und Verkehrssicherung ein – sprich beim Winterdienst. Für Bürgermeister Jörg-Roger Hische ein unbefriedigender Zustand: „Wir wünschen uns eine klare Entscheidung.“ Dass die Stadt auf einem Privatgrundstück Schnee schiebt, komme gar nicht in Frage. „Das lehnen wir ab.“ Würde die Region die Anlage selbst entwickeln – nach dem bewährten Muster wie an anderen Bahnhöfen, – würde die Stadt auch den Winterdienst übernehmen.

Der heimische SPD-Regionsabgeordnete Detlef Herzig zweifelt an einer schnellen Einigung. „Es stellt sich die Frage, ob sich der Projektentwickler in seiner Kalkulation verschätzt hat.“ Aus wirtschaftlicher Sicht verständlich sei, dass der Entwickler möglichst viel Platz für Stellflächen haben wolle – und daher nicht an einer Buswendeschleife interessiert sei. Das Ganze sei eine „schwierige Sache“, eine Diskussion, die sich im Kreis drehe. Der Verkehrsexperte meint, die Firma habe nur Interesse an der Fläche, weil der sogenannte Sprinterzug in Springe halten soll. „Ansonsten ist Völksen als Pendlerstation beliebter.“ Dort entfalle eine längere Anreise durch die Stadt, außerdem stehen demnächst 72 neue Parkplätze zur Verfügung – kostenlos (NDZ berichtete).

Während die Verhandlungen um den Parkplatz stocken, verfallen die alten Gütergebäude zusehends. Ortsbürgermeister Carsten Marock spricht vielen Einwohnern aus der Seele: „Das ist ein wirklicher Schandfleck, die Schuppen sollten sofort abgerissen werden.“ Der Ortsrat beschäftigt sich schon länger mit dem Thema: „Wir hatten gehofft, das Projekt wird schnell umgesetzt.“ Wie machtlos die Stadt und die Politik in dieser Angelegenheit sind, zeigte die Diskussion im Anregungs- und Beschwerdeausschuss am Mittwochabend. „Wir können den Eigentümer nicht zum Abriss zwingen“, sagt Fachbereichsleiter Gerd-Dieter Walter. Rein rechtlich könne die Stadt nicht einmal einen Vorwurf erheben: Die ruinösen Gebäude sind von einem Bauzaun gesichert.

Ein wenig Hoffnung macht die gerade vollzogene Änderung des Baugesetzbuches. Demnach kann eine Gemeinde vom Eigentümer verlangen, Schrottimmobilien abzureißen. Sie kann sogar selbst aktiv werden und die Arbeit in Rechnung stellen.

So lange zumindest sorgt sich Günter Stolte vom Verkehrsverein weiter um den ersten Eindruck, den seine Stadt auf Besucher macht: „Das wirkt alles andere als einladend.“

Anzeige
Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare