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Drei Springer erinnern sich an den Jahrhundertwinter

SPRINGE. Während heute in Süddeutschland und Österreich die weiße Pracht zur Plage wird, bleibt es am Deister fast schneefrei. Das war 1978/79 ganz anders: Damals fiel so viel Schnee, dass von einer regelrechten Schneekatastrophe die Rede war.

3. Januar 1979: „Wie überall, auch am Gehlenbach ein winterliches Bild. Was Weihnachten so dringend erhofft wurde, kam nun in überreicher Form“ titelt die NDZ. FOTO: NDZ-ARCHIV
Mischer

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Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Wir haben mit Zeitzeugen gesprochen, die berichten, wie sie den Jahrhundertwinter am Deister erlebt hatten.

Christa Heinzel aus Springe, damals 19-Jährig, kann sich noch sehr gut an diesen Winter erinnern, diesen Winter, der mehr Winter als alle anderen war. „Die Leute mussten sich damals mit einer Schaufel ihre Autos freischaufeln, damit sie überhaupt an die Fahrertür kamen, nachdem der Schneepflug vorbeigefahren war.“ Vor ihrem Haus wurde damals der Schnee mit Schubkarren in den Garten gefahren, damit die Parkplätze überhaupt irgendwie befahrbar waren. Diese Arbeit sei schon sehr beschwerlich gewesen, damals, dieses mindestens tägliche Schippen, „aber es hat die Leute auch zusammengebracht, wir haben gemeinsam gescherzt und uns beim Schippen getroffen, da war immer richtig was los.“ Besonders in Erinnerung bleibt Heinzel die Zeit auch, weil die Springerin während dieses Superwinters damals gerade mit ihrer Tochter schwanger war.

Es war ein Freitagmorgen im Februar, erinnert sich Fritz Helmbrecht. „Und es bewegte sich nichts mehr in Boitzum. Keiner kam mehr rein, keiner mehr raus.“ Die Klosterdörfer hätten massiv mit Schneeverwehungen zu kämpfen gehabt. Busse und Autos? Fehlanzeige. „Die Stadt war damals gar nicht mehr in der Lage, die Schneemassen zu räumen.“ Heißt: Boitzum war von der Außenwelt abgeschnitten. Sofort habe er den damaligen Stadtdirektor und Rathauschef Heinrich-Wilhelm Langrehr angerufen. Helmbrecht war zu dieser Zeit Ortsbürgermeister in Boitzum. Die Stadt habe aber alle Hände voll zu tun gehabt, die Hauptverkehrsstraßen in der Kernstadt zu räumen. Und so hat Helmbrecht kurzerhand eine Telefonkette gestartet und einen öffentlichen Aufruf gestartet: Alle Männer sollten sich am Sonnabend um 10 Uhr vor dem Feuerwehrgerätehaus, mit Schneeschieber und Schaufel ausgerüstet, einfinden. Bereits um 9.30 Uhr waren alle 34 Männer aus dem Ort da, sagt Helmbrecht. Zwei Männer seien sogar noch von ihren Frauen entschuldigt worden. „Damit hätte ich niemals gerechnet. Der Zusammenhalt war einfach toll“, sagt der 79-Jährige. Die Landwirte Hempelmann und Deiters seien mit ihren Traktoren zur Verstärkung gekommen. „Mit unseren Schaufeln konnten wir ja eher wenig etwas anfangen und nur die Hauseingänge freimachen.“ Um 14.30 Uhr war die Aktion vorbei. „Alles war so frei, dass man wenigstens durchgehen konnte.“ Die Frauen des DRK-Ortsvereins in Boitzum hätten als Dankeschön für die Männer Kuchen gebacken. „Tagelang war aber noch die Zufahrt nach Holtensen dicht.“ Mit Anhängern sei der Schnee abtransportiert worden. „Wir wussten gar nicht mehr, wohin damit.“ Dank des Lebensmittelladens im Ort hätten sich die Bewohner immerhin noch mit dem Nötigsten ausstatten können.

Als Marie-Luise Schmidt im Radio hörte, dass eine Frau ihr Kind auf einem Schneepflug geboren hatte, konnte sie noch schmunzeln. Sie selbst war hochschwanger, der errechnete Termin war allerdings erst im Januar. „Ich habe noch gesagt, was für ein schlimmer Albtraum das sein muss.“ Doch nicht alles lief, wie geplant. Genau am selben Tag, einen Tag vor Silvester 1978 ist ihre Fruchtblase geplatzt. Im Schneckentempo ist ihr Mann nach Hannover ins Oststadt-Krankenhaus gefahren „Es war wie bei ‚Walking Dead‘, überall standen die Autos quer oder lagen halb im Graben“, erinnert sich die 66-Jährige. Bei Rot ist ihr Mann einfach über die Ampel gefahren. Ihnen war klar: Wenn sie erst einmal stehen, bringen sie das Auto nicht wieder zum Fahren.

Schließlich sind die beiden unbeschadet in Hannover angekommen. Weil im Krankenhaus keine Betten mehr frei waren, musste ihr Mann wieder nach Hause nach Bennigsen fahren. Der Arzt übrigens sei ebenfalls im Schnee stecken geblieben. Doch ihr Sohn kam – mit Hilfe von zwei Hebammen – gesund und munter zur Welt. „Der Arzt kam später nur noch zum Gratulieren“, sagt Schmidt mit einem Lachen. Ihr Mann habe seinen Sohn erst nach drei Tagen sehen können.

Wenige Wochen später sei ihr Baby, als sie wieder zu Hause waren, auch noch krank geworden. Und wieder stellte der Schnee die junge Familie vor große Herausforderungen. „Das Taxiunternehmen hat sich kaputt gelacht, als ich gefragt habe, ob sie mich fahren.“ Verzweifelt rief sie ihren Hausarzt Dr. Weber in Bennigsen an. Wenig später klingelte es an der Tür – und Dr. Weber stand völlig außer Atem in ihrem Haus. „Er ist den ganzen Berg zu Fuß hochgegangen bei dem Schnee, wer macht sowas heute noch?“ Ihr Sohn ist wieder gesund geworden. „Es war alles gut, alle haben es wohlbehalten überstanden.“

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Können Sie eine Geschichte vom Schnee-Chaos im Winter 1978/1979 in Springe oder Bad Münder erzählen? Wie haben sie damals die Tage verbracht, welcher Auswirkungen hatte das Wetter-Ereignis auf Ihr Leben? Die NDZ würde gerne über Ihre Erinnerungen berichten: Über Ihre persönlichen Geschichten freuen wir uns ebenso wie über Fotos von den Schneebergen, von Räumkommandos oder ungewöhnlichen Hilfsaktionen in der Nachbarschaft.

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