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Die wahre Geschichte des „Mariechen“, das verschwand

SPRINGE. Nachtwächter Heinerich ist vielen Springern bekannt. Was sie nicht wissen: Hinter der Werbefigur verbirgt sich der in Springe geborene und einst in Hoya tätige Lehrer Heinrich Hüper.

Um 1950 wird der Marktbrunnen ohne Kiepenmädchen abgelichtet. In der NDZ humorvoll von „Heinerich“ nach dem Grund gefragt, antwortet das „Maräichen“, es sei zur Zeit der Aufnahme „bäi Mester Weking in’n Sanatorium“ gewesen.

Autor:

Ulrich Manthey

In einem 1949 in der NDZ veröffentlichten und auf Plattdeutsch geschriebenen Artikel, bezeichnet er sich wohl erstmals als „Heinerich“, der beim Besuch des Marktplatzes die „Holtfrou“ (Holzfrau) auf dem Brunnen vermisst.

Sich nach ihrem Schicksal erkundigend erfährt er, dass das „Maräichen“ in der Tat von seinem durchgerosteten Platz heruntergefallen war. Halbwegs wohlbehalten, lediglich mit zerschundener Nase, findet er es schließlich in der Werkstatt von Schlossermeister Wedekind in der Friedrichstraße.

Nach dem Kompliment, es sei immer noch so schön wie früher, mokiert sich „Heinerich“ Hüper über den „rheinischen Meister“, der keine Ahnung von den Springer Holzfrauen gehabt habe. Gemeint ist Joseph Feller, Inhaber eines Schmiedeunternehmens in Düsseldorf, der den Brunnen hergestellt hatte. Entgegen der bis heute noch immer verbreiteten Legende, der Brunnen stamme von der Weltausstellung in Paris, haben die beiden Stifter, Sanitätsrat Dr. Heinrich Seebohm und seine Ehefrau Marie, das schmiedeeiserne Werk auf der Düsseldorfer Industrie- und Gewerbeausstellung 1902 entdeckt.

Bei dem Exponat scheint es sich um einen Gänseliesel-Brunnen gehandelt zu haben, der erst umgearbeitet werden musste, bevor er im Jahr darauf auf dem hiesigen Marktplatz aufgestellt wurde.

Die statt des Gänseliesels gewählte, aufrecht stehende Mädchenfigur, an der sich Hüpers Kritik entzündete, soll die Frauen aus der Springer Unterschicht symbolisieren, die einst im Wald ihre Kiepe mit Leseholz füllen durften. Wie der Autor schreibt, handelte es sich um alte Frauen, die früher mit vom Schleppen der schweren Last gekrümmten Rücken am Oberen Tor bei der Seegerschen Mühle in die Stadt heimkehrten.

Ihm beipflichtend meint das Mariechen in der NDZ sinngemäß, es sei von Geburt an ein echtes rheinisches Mädchen, was auch an seinen hier unüblichen Holzschuhen zu erkennen sei. Zu fragen bleibt, ob statt des Herstellers nicht eher das Ehepaar Seebohm als Auftraggeber für die historisch unzutreffende Figur verantwortlich gewesen ist.

Anlass für die Stiftung des Brunnens war die Anlage einer modernen Wasserversorgung in Springe gewesen, zu der Dr. Seebohm einen finanziellen Beitrag geleistet hatte. Das Projekt scheint heftig umstritten gewesen zu sein. Obwohl das Leitungsnetz ab 1903 aus einem Hochbehälter am Samkeweg gespeist wurde, war angeblich nicht genügend Wasser für das Denkmal da, weshalb die Wasserspeier – sicherlich zum großen Ärger der Seebohms – vorerst trocken blieben. 1938 soll wieder Wassernot geherrscht haben, woraufhin man den Brunnen erneut abstellte. Der Frosch wurde abmontiert – und auch das Kiepenmädchen scheint in jener Zeit seinen Platz verlassen zu haben.

Bevor sich „Heinerich“ von dem Mädchen verabschiedet, das ihm von seinen vergossenen Tränen beim langen Ausharren in Wedekinds Werkstatt sowie seiner Sehnsucht nach der Rückkehr zum betriebsamen Marktplatz erzählt, verspricht er, sich dafür beim Magistrat einzusetzen – zur Not auch mit Hilfe der Neuen Deister-Zeitung.

Tatsächlich veröffentlicht das Heimatblatt bald eine regelmäßige Kolumne von Hüper, in der dieser als „Heinerich“ im Zwiegespräch mit „Maräichen“ die Politik allgemein und Ereignisse in Springe aufs Korn nimmt.

Im Frühjahr 1951 berichtet das Mädchen, es sei – mit neuem Anstrich versehen – von Stadtdirektor Dr. Degenhardt und Mitgliedern des Verkehrs- und Verschönerungsvereins inspiziert worden. Das von der NDZ angekündigte „Brunnenrauschen“, zu dem sich zahlreiche Einwohner am Markt einfanden, erwies sich als Aprilscherz, jedoch war das restaurierte Mariechen ebenso wie der Frosch am Pfingstsonntag jenes Jahres dann endlich an seinen alten Platz zurückgekehrt.

Zur feierlichen Neueinweihung des Brunnens, für dessen Wasserversorgung eine Pumpanlage im Petersschen Haus installiert worden war, hatte die Stadt außer dem Sohn des Stifterehepaars auch Bundesverkehrsminister und Namensvetter Hans-Christoph Seebohm sowie Heinrich Hüper eingeladen, die beide verhindert waren. Für musikalische Unterhaltung sorgten die Feuerwehrkappelle sowie Springes drei Gesangvereine. Da man vergessen hatte, den Durchgangsverkehr umzuleiten, konnte nur ein Teil des zahlreich versammelten Publikums die Festreden von Bürgermeister und Stadtdirektor vernehmen. Das „rheinische“ Holzmädchen, das damals einen Blumenstrauß in seine Kiepe erhielt, steht seitdem – abgesehen von einer Restaurierungspause – ungebeugt wie eh und je in luftiger Höhe. Der kupferne Frosch ist mittlerweile verschwunden. Aus den Fischmäulern plätschert das Wasser nur unregelmäßig. Auch die Reinigung des Beckens gestaltet sich offenbar schwierig.

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