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Digitaler Polizeifunk: Das erste Fahrzeug ist da – doch es gibt noch viel zu tun

Die verspätete Revolution kehrt überraschend zuerst in Springe ein

Springe. Sieht neu aus, riecht neu. Außen nach Abgasen, innen nach Leder. Er hat gerade 56 Kilometer auf dem Tacho, als Günther Oppermann und Sebastian Eilmus mit ihm auf den Burghof fahren. Der Allrad-Passat ist der erste der gesamten Direktion Hannover, der eine verspätete Revolution einläutet: Er ist mit digitaler Funktechnik ausgestattet.

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Autor:

Markus Richter

„Das ist Zufall“, winkt Eilmus ab, um klarzustellen, dass Springe keine Sonderbehandlung genießt und sich den Neid wesentlich größerer Kommissariate auflädt. Der Hightech-Passat ist das erste Neufahrzeug einer neuen Generation. Und in Springe wird gerade ein alter Wagen ausgemustert. Oppermann ergänzt: Dies sei nicht mit dem Start des digitalen Polizeifunks gleichzusetzen. Bevor die Testreihe startet, wird das Innenministerium wohl im April eine große Pressekonferenz einberufen. „Das voraussichtliche Ende des Probebetriebs ist dann für das vierte Quartal vorgesehen“, sagt Oppermann. Etwa in einem Jahr kann endlich ein neues Zeitalter beginnen.

Der Erste Polizeihauptkommissar arbeitet zusammen mit Polizeikommissar Sebastian Eilmus und acht weiteren Kollegen an der Einführung des digitalen Funksystems. Auch der Springer Einsatz- und Streifendienstleiter Lutz Fricke gehört diesem Kommando an, das sich um den sogenannten Netzabschnitt 09 kümmert. Eilmus betreut die praktische Ausbildung der Kollegen, die Installation der Antennen-Anlagen, die Ausstattung der Dienstfahrzeuge sowie der Lage- und Führungszentrale. Er wird sich zudem um die Handgeräte für die Beamten kümmern.

Die neue Hardware, sie hat auf den ersten Blick Vorteile: Die Geräte des Marktführers Motorola sind deutlich kleiner als ihre analogen Vorgänger und sollen dennoch stabiler sein, haben eine längere Stand-by-Zeit und verbesserte Sprachqualität. Wird eines gestohlen, kann es aus der Ferne deaktiviert werden, um Missbrauch zu vermeiden.

Fricke und Oppermann haben beim Castor-Einsatz im vergangenen Jahr schon den Echtbetrieb geprobt: „Wir konnten uns leicht daran gewöhnen“, berichtet Oppermann. Ergänzt werden kann das Handgerät durch ein Handmikro.

Doch was soll die neue Technik eigentlich bringen? Oppermann spricht von einem „Hochsicherheitsnetz“: Das könne durch die Verschlüsselung nicht mehr abgehört werden. Auf wenigen Frequenzen können mehr Gespräche geführt werden. Der Funkkreis muss nicht mehr mühsam gewechselt werden, wenn die Einsatzkräfte umher fahren. Dies sei gerade für Spezialkommandos wichtig. Und: Im Gegensatz zur jahrzehntealten Vorgängertechnologie gibt es kein Rauschen mehr. Das allerdings könnte auch zum Problem werden, wenn der Kontakt ohne Vorwarnung abbricht. Dafür können mit SDS (Short Data Service) Daten wie Autokennzeichen übertragen werden, die dann auf dem Handgerät erscheinen.

„In Springe soll das Funken überall möglich sein“, gibt Oppermann als Ziel aus. Das bedeutet, auch bei Einsätzen in Höhenlagen des Deisters soll die Verbindung niemals abreißen. Für den Laien nicht erkennbar: An drei Stellen im Stadtgebiet wurden von der Firma EADS, dem sogenannten Systemlieferanten, schon drei Funkmasten mit neuer Technik ergänzt. „Das Netz steht noch nicht zur Verfügung“, sagt Eilmus. Dies sei längst nicht so einfach wie beim Mobilfunk für Handys. Auf die müssen Polizeibeamte nämlich häufiger zurückgreifen, als ihnen lieb ist: Gerade im Waldgebiet und einigen Springer Ortsteilen sei dies ein Problem, erläutert Fricke.

Kritiker werfen der Politik vor, in Deutschland den Anschluss verpasst zu haben: In Europa funkt sonst nur noch Albanien analog. War der Start ursprünglich zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 gedacht, gab es immer wieder Rückschläge. „Es ist ein milliardenschweres Projekt“, weiß Kommissar Eilmus. Viele Bieter wollten in die Geschäfte einsteigen: Auch das Eimbeckhäuser Unternehmen R&S Bick Mobilfunk war am Netzaufbau interessiert. „Rückblickend sind die Gründe der Verschiebung für uns unwichtig“, sagt Fricke – „wir freuen uns einfach über eine neue Technik, die ausgereift ist.“

Auf Analogfunk kann in den kommenden Jahren trotzdem nicht verzichtet werden: Andere BOS (Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben) wie freiwillige Feuerwehren und Rettungsdienste haben noch nicht nachgezogen. Selbst den Kontakt mit der Polizei Bad Münder müssen die Springer Kollegen auch in Zukunft auf konventionelle Weise suchen: Für die Kurstadt ist die Direktion Göttingen zuständig – und dort braucht gut Ding eben noch eine Weile länger.

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