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Seit 30 Jahren übernimmt Ursel Postrach die gesetzliche Betreuung von behinderten Menschen – im Ehrenamt

Die Lebenshelferin

Ursel Postrach unterstützt seit 30 Jahren ehrenamtlich Menschen mit Behinderung - eine Aufgabe, die immer weniger übernehmen.

Keine Berührungsängste: Ursel Postrach kümmert sich als gesetzliche Betreuerin um Menschen mit Behinderung bei der Diakonie Lüdersen. Der Leiter der Einrichtung, Gerald Bode, würde sich über weitere Ehrenamtliche freuen. FOTO: MISCHER
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Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

LÜDERSEN. Als Heike (Name geändert) damals die Diagnose ihrer geistigen Behinderung erhielt, stand auf dem Zettel noch der Begriff „Idiotie“. Solch eine Bezeichnung für einen schwer geistig behinderten Menschen würde heute in keinem Gutachten mehr stehen – auf dem Weg zur Inklusion hat sich eine Menge getan und die Diagnosen sind heute weitaus differenzierter. Auf der Strecke geblieben sind in all den Jahren aber die ehrenamtlichen gesetzlichen Betreuer. Ihre Aufgabe übernehmen heute in der Regel berufsmäßige Helfer: Auch, weil es an Ehrenamtlichen fehlt, die solch eine Aufgabe übernehmen möchten.

Heike war 20 Jahre alt, als Ursel Postrach sich ihrer annahm: Sie kümmert sich um die Finanzen der Frau, regelt Behördenkommunikation und Fragen der Unterbringung für die Bewohnerin des Hauses Lüdersen der Diakonie Himmelsthür. Aber sie trifft sich auch mit ihr, redet mit ihr, lacht mit ihr.

„Persönlichen Kontakt gibt es bei berufsmäßiger Betreuung wenig“, weiß der Leiter des Hauses, Gerald Bode. Dabei machten die berufsmäßigen Betreuer ihren Job keinesfalls schlecht, im Gegenteil: Inhaltlich kennen sie sich mit allen Fragen des Betreuungsrechts aus und wissen sofort, was wann wo zu tun ist – immerhin leben sie von den Betreuungsaufgaben. Damals war das ganz anders: Postrach hat sich ihr Wissen, was die Aufgaben der Betreuer angeht, mehr oder weniger selbst aneignen müssen. Aber: „Die Berufsmäßigen machen ihren Job eben vom Schreibtisch aus.“

Ganz anders ist das bei Postrach: Sie trifft die drei ihr anvertrauten Bewohner regelmäßig, geht zuweilen mit ihnen gemeinsam Essen und nimmt sich Zeit, um mit ihnen über ihre Wünsche und Vorstellungen zu plaudern. Und dann dafür zu sorgen, dass die, so denn möglich, erfüllt werden. Denn den Bewohnern steht nur eine bestimmte Summe Geld zur Verfügung, Taschengeld quasi, alles darüber hinaus managen die Betreuer. Für Sonderwünsche, wie etwa einen Urlaub, bringt Postrach ihren Schützlingen Geld von deren Konto vorbei. Klar, auch Urlaub machen die behinderten Bewohner des Hauses Lüdersen. Der heißt dann aber Gemeinschaftsreise.

„Unser Hauptauftrag ist die Eingliederungshilfe – die Menschen sollen teilhaben können an der Gesellschaft“, erklärt Bode. 76 Bewohner hat das Haus Lüdersen aktuell, sie wohnen immer weniger in Doppelzimmern, um ihnen eine Privatsphäre zu ermöglichen steige die Zahl der Einzelzimmer, resümiert der Leiter der Einrichtung. Auch das sei damals anders gewesen.

Betreuung ist: Wenn Menschen, die ihre Angelegenheiten wegen einer Erkrankung oder einer Behinderung „ganz oder teilweise nicht besorgen“ können, mit dem 18. Lebensjahr einen gesetzlichen Betreuer erhalten. Manchmal für alle Lebensbereiche, manchmal nur mit Blick auf die Finanzen, die eigene Gesundheitsvorsorge oder Aufenthaltsbestimmung. Wer einen gesetzlichen Betreuer erhält, dessen Fall wurde in einem Betreuungsverfahren geprüft, zuständig ist das Amtsgericht. Das übrigens weist auch die Betreuer zu.

Ehrenamtliche Betreuer haben die selben Pflichten wie berufsmäßige, schon klar. Aber wenn Postrach über ihre älteste Schutzbefohlene spricht, kann man sehen, wie sich ihre Miene aufhellt. „Sie kann sich ihrer Umwelt nicht mitteilen – aber liebt Düfte und Musik“, sagt Postrach. Eine besondere Freude könne man ihr machen, wenn man eine alte Kaffeetüte mitbringe, „daran riecht sie dann ganz lange und intensiv“. In all den Jahren, räumt Postrach ein, habe sich eine intensive Bindung zu ihren drei Schützlingen aufgebaut – „aber die ist nicht so stark wie die zu den eigenen Kindern“.

Ihre erste Vormundschaft, wie das damals noch hieß, übernahm Postrach eher unvermutet: Ein Amtsrichter aus Springe bat sie, Dokumente der verstorbenen Betreuerin einer Bewohnerin der Diakonie abzuholen, „können Sie nicht mal...“

Postrach konnte mal – und aus dem einmaligen Botengang wurde schließlich eine Betreuungsaufgabe, der sie mit Herz und Verstand nachkommt. Eine zweite Bewohnerin tat Postrach einfach leid: „Sie bekam doch nie Besuch“, sagt sie – und meldete sich prompt auch für sie als Betreuungsperson, heute ist sie auch so etwas wie eine Bezugsperson für die schwer behinderte Frau.

Wer sich zutraut, selbst eine Betreuungsaufgabe wahrzunehmen, der kann sich ans Amtsgericht wenden – oder direkt an die Diakonie in Lüdersen. Allerdings haben die meisten Bewohner dort aktuell bereits berufsmäßige Betreuer.



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