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Ugis Kontrims aus Völksen verliert einen Freund beim Supermarkt-Unglück in Lettland

Der Schock sitzt tief

Völksen. Immer wieder versagt ihm die Stimme. Ugis Kontrims weint bittere Tränen. In seiner alten Heimat hat der Einsturz eines Supermarktdachs mindestens 54 Todesopfer gefordert. Dabei kam auch ein Feuerwehrmann ums Leben – er war ein guter Freund des Völkseners. Jetzt will Kontrims Spenden für die Angehörigen der betroffenen Familien sammeln. „Das ist das Mindeste, was wir tun können.“

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Autor:

Markus Richter

Vor neun Jahren wanderte Kontrims von Lettland nach Deutschland aus, fand in Völksen ein neues Zuhause, gründete eine Familie. Früher wohnte er in Riga, keine zwei Kilometer Luftlinie von dem Ort entfernt, an dem sich am vergangenen Donnerstag das tragische Unglück ereignete. „Es war ihm bewusst, dass er einen gefährlichen Beruf hat“, sagt Kontrims über Vilnis ¦teinitis. Bis zuletzt hatte er mit dem Kapitän der Berufsfeuerwehr regelmäßig Kontakt. Zu Feiertagen und an Geburtstagen telefonierten sie, einmal hatte der Völksener Autohändler ihm einen Audi gekauft. „Ich hatte in Riga eine Reifenwerkstatt, in derselben Halle befand sich die Feuerwache, in der Vilnis arbeitete“, berichtet Kontrims. Sein Freund wohnte mit seiner Lebensgefährtin und zwei kleinen Schulkindern zusammen.

Am Nachmittag des 21. November nahm das Unglück seinen Lauf: Im Kaufhaus soll ein Alarm losgegangen sein. Umgehend rannten die Kunden ins Freie. Kurze Zeit später gab es Entwarnung, der Supermarkt füllte sich wieder mit Menschen – ein folgenschwerer Fehler. Denn kurz darauf stürzte der erste Teil des Flachdachs ein, auf dem Nachbarn offenbar ihre Kleingärten und einen Kinderspielplatz hatten. Unklar ist bis heute, ob ein Bau- oder Konstruktionsfehler vorlag oder ob die Belastung auf dem Dach zu groß war. Die Rettungsleitstelle schickte die hauptamtlichen Feuerwehrleute los. „Sie waren gerade dabei, das Gebäude zu evakuieren, als weitere Teile des Daches in sich zusammenbrachen“, sagt Kontrims und schluckt schwer. Sein Freund Vilnis war der Erste, der starb. Er wurde von Trümmerteilen erschlagen – beim Versuch, andere Menschen zu retten. Vilnis ¦teinitis wurde nur 36 Jahre alt.

Kontrims in Völksen erfuhr vom dritten Akt des Dramas, als weitere Teile des Betons einstürzten, direkt von Freunden am Telefon und über das Internet. Auch der Onkel von Kontrims Frau Evita wohnt in der Nähe. Er war in Sicherheit. Doch die Zahl der Getöteten stieg bis heute immer weiter an. Einige Helfer suchten mit bloßen Händen nach Überlebenden unter den Trümmern.

Lettische Medien haben Listen der Opfer veröffentlicht. Besonders gedenken sie den drei Feuerwehrleuten Vilnis ¦teinitis, Edgars Reinfelds und Sergejs Ižiks, die „in Ausübung ihrer Plicht“ starben. Ein vierter Feuerwehrmann schwebt noch in Lebensgefahr. Nach dem bislang schwersten Unglück seit der Unabhängigkeit des Landes 1991 wurde eine dreitägige Staatstrauer ausgerufen.

Von Deutschland aus will Kontrims‘ Familie nun eine Spendenaktion starten. Wer helfen möchte, kann bei der heimischen Volksbank unter dem Stichwort „Opfer Kaufhaus Riga“ Geld einzahlen. Es soll bis auf den letzten Cent an eine anerkannte lettische Hilfsorganisation gehen, die den Angehörigen der Opfer dauerhaft helfen will. Allein 16 Kinder haben ihre Eltern verloren. Ein vierjähriges Mädchen wartete im Auto auf dem Parkplatz – Mama und Papa kamen nie zurück. „Alle Angehörigen brauchen auch psychologische Unterstützung“, sagt Ugis Kontrims. „Zumindest für uns ist es eine moralische Verpflichtung.“

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