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Der Ex-Millionendieb von nebenan

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Mischer

Autor

Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Sein Leben lang spielt einer manche Rollen, schrieb der große Shakespeare im Theaterstück „Was ihr wollt“ vor 400 Jahren. Laska ist ein Mann in den Siebzigern, der sich immer einfach genommen hat, was er wollte. Immer wieder. Und der dafür so manche Rolle spielen musste. Und schließlich einen hohen Preis bezahlt hat.

Das charmante Lächeln, die eloquenten Sprüche, kluge Augen, sprühender Witz: Wie ein Berufsverbrecher sieht der Mann an dem Café-Tisch nicht aus. Laska sitzt im Schatten und schaut den Leuten zu. Am Deister arbeitet er an seinem größten Coup: einem ruhigen Lebensabend. Ohne Verbrechen. Ohne Einbrüche. Ohne Tuschelei der Nachbarn. „Ich habe reinen Tisch gemacht.“ Das funktioniere gut, sagt er.

Vor ihm: ein Glas Wasser, in dem die Kohlensäurebläschen tanzen, wie reuige Sünder im Fegefeuer. Hinter seinem Café-Stuhl: die Schaufenster eines Juweliergeschäfts, in dem Colliers in der heißen Augustsonne funkeln. Früher waren sie seine größte Versuchung: Allein bei Einbrüchen in Juweliergeschäfte hatte er mit zwei Komplizen Schmuck im Wert von 10 Millionen Mark erbeutet. Geld, das vieles möglich macht. Wenn man nicht von der Polizei erwischt wird.

Heute interessieren ihn Juweliere nur noch als Studienobjekte. Oft würden die Sicherheitsaspekte von den Ladeninhabern sträflich vernachlässigt. Laska möchte aufklären. „Und damit ein Stück wieder gutmachen.“ Er drückt Daumen und Zeigefinger aneinander, hebt sie in die Luft: „Machmal bin ich kurz davor, zu schellen – und die Eigentümer auf die Mängel hinzuweisen.“ Gemacht hat er das in Springe nie. Weil es sein neues Leben unmöglich machen würde.

Laska: „Wissen Sie, Verbrechen waren einfach mein Beruf – weil ich nichts anderes gelernt habe.“ Seine erste Jugendstrafe musste er mit 16 Jahren absitzen. Unzählige Gefängnisaufenthalte folgten. Als seine Verbrecher-Karriere drohte, sein Privatleben zu zerstören, beschloss er, den Verbrechen abzuschwören. Für immer.

Stattdessen das ruhige Leben in der kleinen Deisterstadt. Die neue Wahlheimat des Mannes in den Siebzigern. Er lebe gern hier, sagt er, „nur noch manchmal erwische ich mich dabei, dass ich noch mit diesem Einbrecher-Blick durch die Stadt gehe“, sagt Laska. Zuweilen sieht er ein völlig veraltetes Schloss oder eine Alarmanlage, die viel zu niedrig hängt – und deshalb ruckzuck unschädlich gemacht werden kann. Er könnte ja noch. Aber er will nicht mehr.

Das LKA hatte Laska einst, als er noch aktiv war, einen „Dinosaurier“ genannt: „Sowas wie Dich gibt es gar nicht mehr“. Anders als für Einbrecher heute sei körperliche Gewalt für ihn ein Tabu gewesen: „Das kam für mich niemals infrage.“ Als einen Gentleman-Verbrecher sieht er sich dennoch nicht. „Ich bin ein Sauhund gewesen, damals“ sagt er, einer, der es auf das Eigentum anderer abgesehen hatte.

Und so sahen ihn auch die Nachbarn. Dass er den Verbrechen abgeschworen hatte, spielte in seiner alten Heimat, einer Großstadt in NRW, keine Rolle. Er war der Einbrecher. Er blieb der Einbrecher. Dabei war er im Gefängnis mehr als das. Professor hatten ihn seine Mithäftlinge genannt. Er las, las und las. Über Kunstgeschichte, Jura, Diamanten, Teppiche, klassische Dramen, über Autos, Kubismus und alles. Als Chef einer Verbrecherbande muss man mehr wissen, als die meisten. Und im Gefängnis hatte er viel Zeit.

Häftling, Berufsverbrecher, Dinosaurier, Professor: Laska hatte viele Spitznamen. Und spielte vermutlich schon so manche Rolle. Seit er in Springe lebt, ist er nur Mensch. „Es lebt sich gut hier“, sagt er – und trinkt einen Schluck Wasser. Gießt noch etwas nach. Niemand habe ihn nach seinem Vorleben gefragt, als er hierher kam, man habe ihn einfach so akzeptiert, „das gefällt mir an der norddeutschen Art. Du bist einfach da – und dann hat es sich“.

Laska bereut seine Entscheidung für Springe keine Sekunde: „Es ist eine schöne Stadt für ältere Leute“, sagt er. Mit Schattenseiten. „Dass die Menschen so übervorsichtig sind beim Auto fahren, das habe ich bisher nur hier so erlebt“, sagt er. Und dass das Krankenhaus dicht gemacht hat, das bedauert er sehr.

Zum Abschied gibt er die Hand, lächelt. Das neue Leben wartet nicht.



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