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DDR-Ausstellung im Museum: Rundgang mit Elke Otte

SPRINGE. Der Philosoph Karl Popper hat mal geschrieben, dass es die Hybris sei, die uns versuchen lasse, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen und dazu verführe „unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln“.

Mit Hammer und Sichel: Elke Otte schaut sich das Banner am Eingang zur Ausstellung an. FOTO: MISCHER
Mischer

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Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

Elke Otte, geboren 1947 in Chemnitz, das zwischenzeitlich Karl-Marx-Stadt hieß, schaut sich das Banner am Beginn der DDR-Ausstellung im Museum an. Ein Banner, auf dem die DDR-Führung das Paradies auf Erden versprochen hat. Die Realität sah anders aus, weiß Elke Otte, die seit 20 Jahren in Springe lebt und Kindheit und Jugend in der DDR verbracht hat. Ein Besuch mit einem Ossi in der Schau über Ossis, die von einem Wessi gemacht wurde.

Weiß wie die Wand, vor der es hängt, ist dieses Banner. Es ist das Erste, das Besucher der Ausstellung „DDR – Schlaglichter auf Staat und Alltag“ sehen. Unten sind Hammer und Sichel abgebildet, Elke Otte wiegt den hellen Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. „Alles für das Wohl des Volkes – für das Glück der Menschen“, steht in roten Lettern auf dem Leinen. Ein Spruch, den wohl jeder irgendwie unterstreichen könnte – wären da nicht die Embleme des Marxismus und Leninismus.

„Diesen Satz hat man schlecht umgesetzt – deshalb ist die DDR untergegangen“, sagt Otte und lässt den Stoff los, als sei er mit den Jahren brüchig geworden und sie fürchte, dass er unter ihren Fingern zerbrösele.

Gestaltet wurde die Wanderausstellung im Universitäts- und Stadtmuseum Rinteln, die Wanderschau umfasst rund 200 Exponate, die, wie der Name sagt, Schlaglichter auf Staat und Alltag des Arbeiter- und Bauernstaates werfen sollen.

Elke Otte, graue Jeans, grau-gelb-weiß-schwarz gestreifter Wollpulli, hat sich am Deister ziemlich gut eingelebt, engagiert sich unter anderem ehrenamtlich für Geflüchtete, bei der Tafel und der Fahrradwerkstatt. Geboren wurde sie in Chemnitz, das später in Karl-Marx-Stadt umgetauft wurde und heute wieder Chemnitz heißt, was sie zu einer ziemlichen Expertin für die Schau macht; immerhin soll es auch um ihr Leben gehen, in diesem Staat, der in Westdeutschland heute meist müde belächelt wird. In der DDR studierte sie Ökonomie. Und kennt beide Systeme: Marktwirtschaft und Kommunismus.

„Die Dinge in der DDR waren zwar anders – aber das heißt nicht, dass alles anders war“, stellt sie klar, während sie auf die Büste des Wladimir Iljitsch Lenin, Vorsitzender der Bolschewiki-Partei, Chef des gesamten Ostblocks, wenn man so will, zugeht. Sie bleibt stehen. Nicht, um ihm Respekt zu zollen, sondern um ihn anzuschauen. „Gemerkt, dass es nicht wirklich gut läuft, hat man zuerst im Urlaub damals, als in Rumänien und Bulgarien die dortigen Bürger nichts mehr zu essen hatten“, sagt die Wahl-Springerin. Als Urlauberin habe sie sich, genau wie andere DDR-Gäste, Gedanken gemacht, ob es eines Tages auch im Arbeiter- und Bauernstaat so weit kommen würde, dass das Essen knapp wird.

Für die Ausstellung werden sowohl akustische Medien, Schaubilder, Videos als auch Original-Objekte und Tafeln mit Zitaten verwendet, um zu zeigen, was es in der sowjetisch besetzten Zone gab, wie man dort lebte, worüber man lachte, was man liebte: Vom DDR-Stacheldraht über die Uniform der Volkspolizisten, den legendären Sandmann, der Kinder bei Laune hielt und heute auch im Westen beliebt ist, bis zu Stücken der Mauer, die Mauerspechte nach der Wende aus dem „antifaschistischen Schutzwall“, wie das Ungetüm Mauer von der DDR-Staatsführung genannt wurde, gehauen hatten. Drei Schritte, dann steht sie vor ihm, diesem silberglänzende Samowar auf dem kleinen Holztischchen. Otte schaut. Zuckt sekundenlang mit den Achseln. „Ich habe so etwas damals in Chemnitz nie gesehen“, sagt sie.

In der damaligen Karl-Marx-Stadt sei die russische Besatzungsmacht nicht sehr präsent gewesen, jene, die sich den Russen angepasst hätten, also die, die im Westen heute Parteifunktionäre heißen, manche sagen auch Bonzen, haben nicht zu ihrem Freundeskreis gehört. „Die Leute, die nicht so dafür waren, haben sich unter sich getroffen“, sagt sie. Samoware habe es da nicht gegeben. Otte geht einige Schritte weiter, da kommt es dann tatsächlich so weit, auf einer Schautafel steht, dass Politbüromitglied Günter Schabowski sagte, dass die Ausreise aus der DDR gestattet sei, „das trifft, nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich“ – so die tatsächlichen Worte des Politikers.

Als die 72-Jährige diese Rede damals gehört habe, sagt sie, habe sie es gar nicht fassen können: „Was hat der da jetzt gesagt?“ Ja, er sagte es wirklich. Und die Leute waren zuerst sprachlos, sagt sie.

Etwas weiter vorn in der Schau vor dem Staats- und Parteichef Erich Honecker, geht Otte etwas langsamer, hält aber nicht ganz an, sagt: „Die Bilder hingen damals in Büros von Verwaltungen – es gab aber auch Leute, die das in der Wohnung hatten.“ Selbst wenn Otte damals eine eigene Wohnung gehabt hatte – in der sozialistischen Karl-Marx-Stadt waren sie Mangelware – hätte sie den nicht aufgehängt. Zumindest nicht an ihre Wand.

Auf Höhe der Exponate, die ans Stasi-Gefängnis in Hohenschönhausen erinnern, wird die Frau, die ihre Kindheit, Jugend und das Erwachsenwerden in der DDR erlebt hat, nachdenklich. „Diese Leute, die in diese Maschinerie geraten sind, muss man bedauern.“ Dann wird sie ein wenig wütend: „Ich würde heute die Kaderfunktionäre gern mal fragen, was sie heute zu diesen Verbrechen sagen.“

Rund 200 000 politische Häftlinge gab es in der DDR, gerade in den 50er-Jahren kam es zu Todesfällen in Polit-Haftanstalten wie Hohenschönhausen. Für sie war das Paradies des Sozialismus von Beginn an die Hölle auf Erden.

Auch der Widerstand findet in der Schau einen Platz: „Spitzbart, Bauch und Brille, sind nicht des Volkes Wille“ steht auf einem Banner in der Ausstellung. Und gerade im Widerstand, in der Auflehnung gegen das System und den Mangel, sieht Otte die Größe der damaligen DDR-Bürger aufblitzen: „Es war eine starke Gemeinschaft, man hat sich gegenseitig geholfen“ – in allen Lebensbereichen – „kannst Du mal das besorgen?“Heute würde sie sich manchmal wünschen, dass die Menschen ein wenig mehr von diesem Gemeinschaftsgefühl an den Tag legen. Keine Hölle dauert ewig.

In den Geschäften, Konsum, Kaufhalle, gab es zwar etwas, aber meistens nicht das, was man gerade brauchte. Einige begehrte Waren sind in der Ausstellung zu sehen. Andere nicht. Etwa Klopapier. „Einmal war das äußerste Mangelware. Aber wenn die Beschwerden zunahmen, hat die Staatsführung irgendwann dafür gesorgt, dass etwas getan und das Volk beruhigt wurde. Plötzlich war das Klopapier wieder da.“ Ein Tisch, nachgestellte Wohnzimmeridyllen-Atmosphäre im Ausstellungsraum, darauf liegt das Neue Deutschland, das Parteiorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Die Springerin schaut drauf, dann weg. „Die hatten wir zu Hause nicht, bei uns gab es die Freie Presse – und ich glaube, die heißt heute noch so.“

Ottes Fazit nach einem halbstündigen Rundgang durch die Ausstellung: Viele Dinge erkennt sie wieder, etliche Sachen wecken Erinnerungen bei ihr , „das ist schon ganz gut gemacht“.



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