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Das unbeliebteste Hotel der Stadt

Springe. Die Zimmer sind im Keller, ungemütlich, fensterlos. Dazu grelles Licht, das man nicht ausknipsen kann. Eine Übernachtung kostet 25 Euro. Und die 43 Gäste, die im Vorjahr trotzdem kamen, waren nicht freiwillig hier: Denn was klingt wie das unbeliebteste Hotel der Stadt, sind die Gewahrsamszellen der Polizei Springe im Kommissariat auf dem Burghof.

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Hier warten frisch gefangene Straftäter darauf, am nächsten Morgen dem Richter vorgeführt zu werden, der über ihr Schicksal entscheidet. Und hier warten Betrunkene auf ihre Ausnüchterung – 16 Mal im vergangenen Jahr. Die anderen 27 vorübergehend Festgehaltenen waren Einbrecher, Diebe oder sie wurden mit Haftbefehl gesucht und aufgegriffen.

Viel trister kann man sich einen Raum nicht ausdenken. Der vergitterte Lüftungsschacht. Das geflieste Bett mit abwaschbarer Schaumstoffmatratze und grauer Decke – Aufdruck: „Polizei Niedersachsen 1965“. Die Jahreszahl der Herstellung? Bleibaum will das nicht ausschließen.

Die spartanische Ausstattung hat auch Sicherheitsgründe: Niemand soll hier sich oder andere verletzen können. Auch deshalb gilt die aus dem Fernsehen bekannte Regel: Gürtel, Feuerzeug, Messer und alles andere, was gefährlich ist, muss abgegeben werden. Daneben benehmen kann man sich aber auch so: „Es gibt hier immer wieder Leute, die etwas kaputt bekommen“, sagt Bleibaum. In einigen Zellen zeugen ausgebesserte Fliesen von Tobsuchtsanfällen. Die schweren Türen sind verbeult: „Einmal hat einer den Türspion rausgetreten“, sagt Bleibaum.

Versorgt mit Essen werden die Gefangenen aus dem benachbarten Krankenhaus – noch. Wie es weitergeht, wenn dort bald die Stationen für immer schließen, ist noch unklar. Der einzige Schalter in der Zelle ist nicht für Licht oder Lüftung – sondern für die Klingel. Denn überwacht werden die Gäste in der Regel von oben aus dem Kommissariat; per Sprechverbindung. Alle halbe Stunde wird außerdem persönlich kontrolliert. Wer dazwischen Durst hat, auf Toilette muss oder seine Wut loswerden will, der drückt aufs Knöpfchen. „Auch das machen manche alle fünf Minuten.“ Wer besonders renitent ist, wird mit Hand- und Fußfesseln fixiert.

Wichtig ist Bleibaum und seinen Kollegen: Hier wird niemand einfach mal so weggesperrt. Das Gesetz zieht auch der Polizei enge Grenzen in Sachen Freiheitsberaubung. Einfach nur betrunken zu sein, reicht nicht – wer aber orientierungslos ist, sich selbst oder andere gefährdet und nicht von Angehörigen betreut werden kann, der wird eingesperrt, zum Schutz der eigenen Gesundheit. Straftäter warten hier auf ihre Vorführung beim Haftrichter; auch sie sind meist nach wenigen Stunden wieder draußen.

Die 25 Euro, die laut Gebührenordnung des Landes für die Übernachtung in der Zelle fällig werden, zahlt übrigens nicht automatisch der Steuerzahler: Die Polizei lässt zunächst einmal Rechnungen verschicken – auch für alles, was ein besonders widerspenstiger Gefangener in seiner Zelle kaputt gemacht hat.

Wer wieder in den Flur des Kommissariats tritt, der sieht ein weiteres Komfortminus: die Toilette hat keine Tür, nur einen kleinen Sichtschutz. Das Hotel der Polizei dürfte das nicht beliebter machen. zett



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