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Wolfgang Nickees baut in Alvesrode 10 000 Jahre alten Ur-Weizen an – (noch) mit mäßigem Erfolg

Das Korn der alten Römer

Alvesrode. Es ist eine Rarität, die auf einem Feld zwischen Alvesrode und dem Saupark wächst: Emmerkorn, auch „Weizen von Rom“ oder „Weißes Gold“ genannt. Wolfgang Nickees hat das Urgetreide, das die Bauern schon vor 10 000 Jahren im Nahen Osten anbauten, wiederentdeckt und will ihm zu einer neuen Blütezeit verhelfen.

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Marita Scheffler Redakteurin zur Autorenseite

Nickees ist einer der wenigen Landwirte in Norddeutschland, die es mit dem Korn aufnehmen. Weil Emmer einen hohen Eiweiß- und Mineralstoffgehalt hat, gilt es als ausgesprochen gesund, die Zahl der Abnehmer steigt stetig. Dabei hat Nickees ein Luxusproblem: „Unsere Böden hier sind eigentlich viel zu gut für Emmer. Im ersten Jahr ist die Hälfte der Ernte abgestorben.“

Der 56-Jährige ist kein waschechter Landwirt. Sein Geld verdient der Alvesröder als kaufmännischer Angestellter der Bremer Roland-Mühle, er ist leidenschaftlicher Musiker, bei den Freien Wählern statt in der CDU – und er leidet unter einer Weizenunverträglichkeit (Glutenallergie). Vielleicht begreift er seinen Nebenerwerb daher „als Hobby, als Spaß, als Möglichkeit, auch mal etwas anderes auszuprobieren“.

Vor zehn Jahren säte er auf einem kleinen Teil seiner 60 Hektar großen Ackerfläche Dinkel aus. „Ich wollte weg von der Massenproduktion“, sagt Nickees. Ihn ärgerte damals vor allem der fallende Weizenpreis – die Ware der Bauern wurde zum Spekulationsgut an der Börse. Als ihm ein Kollege dann vor fünf Jahren auf einer Messe in Stuttgart von einem Bekannten erzählte, der Emmerkorn testete, hörte der Ehrenvorsitzende der Alvesroder Deistermusikanten gebannt zu. Er versuchte Saatgut zu bekommen – und wurde erst bei einem Händler in Italien fündig.

„Kurz vor der Ernte werden die Spelzen schneeweiß“, schwärmt Nickees, während er mit seiner Hand über die Ähren streicht. Auch nach fünf Jahren ist es ihm noch nicht gelungen, auf dem Feld ein gleichmäßiges Wachstum und einen gleichmäßigen Reifegrad hinzubekommen – bei modernen Getreidesorten wie Gerste, Roggen oder Triticale und Weizen überhaupt kein Problem.

Nickees Augen leuchten beim Erzählen dennoch wie die eines Schuljungen, der gerade eine gute Note mit nach Hause gebracht hat. „Auch an den Dinkel musste ich mich erst mühsam herantasten. Heute trägt er 40 Prozent mehr als in den Anfangsjahren.“

Schon Dinkel ist ein Nischenprodukt – und ein wiederentdecktes Trendkorn. Er ist natürlicher und leichter verträglich als die hochgezüchteten Getreidesorten, deshalb wird er vor allem in der Naturheilkunde und Homöopathie verwendet. Trotz der steigenden Nachfrage ist Dinkel auf den Feldern im Umkreis selten, vor allem konventionelle Landwirte tun sich schwer damit.

An Emmerkorn wagen sich noch weniger Bauern heran. „Im Umkreis von mehr als 100 Kilometern bin ich der Einzige“, hat Nickees recherchiert. Lediglich in Nordbayern gibt es größere, zusammenhängende Anbauflächen.

Nickees Hobby macht sich langsam bezahlt. Während er für einen Doppelzentner Weizen 20 bis 25 Euro erhält, sind es rund 55 Euro für Dinkel und etwa 150 Euro für Emmer. „Wir haben aber nur ein Zehntel des Ertrags“, schränkt er ein. Dafür spare er kräftig bei den Spritzmitteln – „Emmer ist so ursprünglich, dass ich komplett ohne auskomme“ – und schone seine Böden.

Die Bäckerei Lorey aus Springe testet derzeit Rezepte mit Emmerkorn. Das Mehl schmeckt herzhaft, leicht nussig. „Der Markt wächst“, glaubt Nickees. Allerdings wüssten viel zu wenig Kunden, dass im Brotregal Alternativen liegen: Zum Sortiment gehören die Exoten deshalb nicht.

Zwei Bäckereien in Barsinghausen und Gehrden interessieren sich ebenfalls für Nickees neues, altes Korn. Die Zeit, bis noch mehr Kunden nach Emmer fragen, wird er nutzen, um mehr der Anbaukniffe zu lernen, die seine Vorfahren schon vor 10 000 Jahren beherrschten – aber irgendwann nicht mehr weitergaben.



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