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Traumatische Kindheit und Entschuldigungen: Prozess gegen Exhibitionisten am Amtsgericht

„Das ist keine Rechtfertigung für die Tat“

Springe. Die Worte kommen stockend, mit unsicherer Stimme: „Ich möchte mich in aller Form entschuldigen“, sagt der 39-Jährige noch einmal. Gerade ist er zu drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Er hatte sich in der Öffentlichkeit entblößt, nicht zum ersten Mal.

An dieser Koppel entblößte sich der Angeklagte im vergangenen Sommer. Jetzt wurde er verurteilt. Foto: ric
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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Es ist das Ende einer Verhandlung vor dem Springer Amtsgericht, in der der Angeklagte tief in seine Seele, in seine Vergangenheit blicken ließ. So tief, dass Richterin Pamela Ziehn vorübergehend die Öffentlichkeit vom Prozess ausschließt. In diesen 15 Minuten lässt der gebürtige Frankfurter über seiner Verteidigerin eine Erklärung verlesen, in der er die Vorwürfe in vollem Umfang einräumt.

Die Rede ist von „schweren Traumata in der Kindheit“ des Mannes, der sich am 3. Juli des vergangenen Jahres, ein Sonnabend, auf einem Feldweg hinter dem Einkaufszentrum an der Osttangente aufhält. Von einem Gebüsch aus beobachtet er das 21-jährige Opfer, das sich bei ihren Pferden aufhält, dort sauber macht.

Plötzlich, es ist etwa 20.50 Uhr, macht sich der Angeklagte bemerkbar: „Helfen Sie mir bitte. Ich hatte noch nie Sex“, sagt er zu der geschockten Frau – und weitere unsittliche Dinge. Schließlich, so die Anklage der Staatsanwaltschaft Hannover, habe er sich der Springerin „sexuell motiviert“ gezeigt, bewusst in ihrer Sichtweite mit geöffneter Hose onaniert. Die junge Frau hat Angst, ruft per Mobiltelefon ihren Freund an. Einen Tag später erstattet sie Anzeige bei der Polizei in Springe.

Der 21-Jährigen, die gestern mit ihrem Freund erschienen ist, erspart der Mann mit seinem Geständnis vor Gericht eine möglicherweise unangenehme Aussage. Sie wartet während der Stellungnahme des Angeklagten vor der Tür des Gerichtssaals, wird schließlich hereingebeten und lauscht der Entschuldigung des 39-Jährigen. Worte, von denen Richterin Ziehn später sagt, sie seien „glaubhaft“ gewesen: „Ich erlebe es hier oft genug, dass so etwas nur dahin gesagt wird.“

Doch auch sein offener Umgang mit seinem Fehlverhalten kann den Mann schließlich nicht vor einer Verurteilung retten. Zu oft ist er schon wegen verschiedenster Delikte vorbestraft, 19 Verurteilungen umfasst sein Strafregister: Diebstahl, Körperverletzung – und nicht zuletzt immer wieder exhibitionistische Handlungen, zuletzt 2005. Auch dass er zum Zeitpunkt des aktuellen Falls noch unter Bewährung steht, wertet das Gericht zu seinem Ungunsten.

Für ihn sprechen andere Dinge: Dass er sich entschuldigt, die Tat einräumt, sein Opfer damit zumindest nicht zwingt, die schlimmen Minuten noch einmal nachzuerleben. Und: Schon seit April befindet er sich auf eigenen Wunsch in einer Drogenentzugseinrichtung – deren Leiterin begleitet ihn gestern zum Prozess, sitzt neben ihm, unterstützt ihn. „Sie haben hier zum ersten Mal ein Zuhause gefunden. Das freut mich für sie“, erklärt Richterin Ziehn nach ihrem Urteil. Die schlimme Vergangenheit des Täters, die nur hinter verschlossenen Türen diskutiert wird – sie will Ziehn nicht zu stark einfließen lassen: „Ich will das nicht kleinreden – aber viele haben hier eine traurige Geschichte. Das ist keine Rechtfertigung für die Tat.“

Der Angeklagte nickt, er wirkt erleichtert. Drei Monate Haft auf Bewährung lautet schließlich der Richterspruch, drei Jahre lang darf er sich nichts mehr zuschulden kommen lassen – sonst geht es höchstwahrscheinlich ins Gefängnis. Außerdem muss er 60 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Auch die akzeptiert der Angeklagte: „Ich möchte alles dafür tun, um etwas zu verändern“, sagt er.



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