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Liebe, Betrug und Intrigen: Prozessauftakt gegen 33-jährige Pflegerin / Zockte die Frau alte Männer ab?

Das Ende eines Sommermärchens

Springe. Dieses Mal ist sie tatsächlich erschienen. Geschützt vom schwarzen Mantel ihres Verteidigers sitzt die 33-Jährige auf der Anklagebank. Sie verhüllt sich, während die Fotografen und Kamerateams richtig draufhalten. Gestern hat die Hauptverhandlung gegen die Altenpflegehelferin aus Springe begonnen, die mindestens einen Rentner um sein Erspartes gebracht haben soll. Der Schaden geht in die Zehntausende. Der pikante Prozess ist einer der aufsehenerregendsten, die es in Springe jemals gab.

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VON MARKUS RICHTER

Dicht gedrängt fiebern die Zuschauer auf den Holzbänken dem Auftakt entgegen. Als Richter Felix Muntschick den Saal betritt, müssen die Kameras verschwinden. Die Angeklagte nimmt den Mantel vom Gesicht.

Die zweifache Mutter ist wegen Betrugs in sechs Fällen angeklagt. Beim ersten Termin vor mehreren Wochen hatte sie in letzter Minute ein ärztliches Attest vorgelegt. Jetzt sitzt sie da, kurze schwarze Haare, Brille, gekleidet in grauem Anzug und Adidas-Turnschuhen. Wirkt schlicht, höflich, nicht unbedingt wie eine Frau, die andere Menschen über den Tisch zieht. Doch genau das werfen ihr die Staatsanwaltschaft und die Nebenklage vor: Im Jahr 2010 soll sie dreimal Geld von einem inzwischen verstorbenen Rentner angenommen, dabei aber nie die Absicht verfolgt haben, die Schulden zu begleichen. Erst waren es 3500, dann 4500 Euro, zuletzt gar 45 000 Euro.

Hintangestellt wurde zunächst der Vorwurf, die Frau habe im Jahr 2006 dreimal beim Versandhandel Beate Uhse Dessous und Sexspielzeug im Gesamtwert von 570 Euro bestellt, es aber nie bezahlt.

Die 33-Jährige holt tief Luft und erzählt: wie sie den 50 Jahre älteren Mann im Krankenhaus kennenlernte, als sie einen Freund besuchte. Wie sie ihn nach Hause fuhr, wie er daraufhin immer mehr Kontakt suchte. „Eines Tages kam er mit seinem Peugeot an und wollte mir das Auto schenken“, erinnert sie sich. Umsonst wolle sie den Wagen nicht haben. Also unterschrieb sie den ersten Schuldschein. Auch die 4500 Euro lieh sie sich später von ihm. Jedoch: „Irgendwann fühlte ich mich belästigt“, sagt sie. Dutzende Male am Tag rief er auf ihrem Handy oder bei ihrer Arbeitsstelle an, einer Tagespflegeeinrichtung für Senioren.

Gekränkt durch ihre Ablehnung sei der Mann schließlich zur Polizei gegangen. Dort sagte der inzwischen Verstorbene aus, es sei „auch eine sexuelle Sache“ zwischen ihr und ihm gewesen. Während der „Liebesbeziehung“ sei sie mehrmals über Nacht in seinem Haus geblieben. „Das stimmt so nicht“, wehrt die Angeklagte jetzt ab. Sie habe nie mit ihm geschlafen. „Er war erbost, weil ich einen Verlobten hatte.“ Was folgt, ist ein wochenlanger Schriftwechsel. In Auszügen schreibt der Senior damals: „So etwas wie Liebe kann man nicht ausschalten.“ Später formuliert er offenbar seine Enttäuschung: „Ein Sommermärchen geht zu Ende“ – und: „Du hast mich belogen und betrogen!“ Mehrfach kündigt er die Verträge auf, fordert sein Geld zurück – vergeblich. Höchst interessiert verfolgen Prozessbeteiligte und Zuschauer dann die Erklärung der 33-Jährigen zu der größten Summe, den 45 000 Euro. „Das war ein Fake“, sagt die Angeklagte. Der Senior habe den Verdacht gehabt, dass jemand in seinem Haus herumschnüffelt. Den Unbekannten, so die Angeklagte, wollten sie mit einem fingierten Vertrag eine Falle stellen. „Das Geld habe ich nie genommen.“

Aufmerksam verfolgt unterdessen die Nebenklägerin die Aussagen der 33-Jährigen, schüttelt immer wieder den Kopf, meint später, die damalige „Freundin“ ihres Onkels sei eine fantastische Geschichtenerzählerin – der sie nicht glaubt. Es gehe ihr als testamentarische Erbin nicht in erster Linie um das Geld, sondern darum, der vermeintlichen Betrügerin das Handwerk zu legen. „Das bin ich meinem Onkel schuldig.“

Unterdessen liefert sich ihr Anwalt ein Duell mit dem Richter. Der Prozess wird mehrfach unterbrochen. Und dann sagt ein heute 65-Jähriger aus, dessen Angaben die Angeklagte zusätzlich belasten: „Es sind viele Jahre vergangen und ich kann nichts nachweisen“, beginnt er. Die Pflegehelferin sei mit ihm in einer Beziehung gewesen. „Ja, sie erweckte den Eindruck einer Geliebten.“ Er habe sich gedacht, „wenn die Frau einen Vaterkomplex hat, warum nicht?“ Woraus er diese Schlussfolgerung zog? „Der Freund vor mir war vielleicht 50, ich 58.“ Von der Angeklagten bekam der Mann nach NDZ-Informationen erotische Fotos überreicht, Aufnahmen, für die sie in heißen Dessous posierte. Allerdings: Nicht nur, dass er ihr „mal 500 Euro“ geliehen habe – auch habe sie sich ohne Zustimmung an seinem Konto bedient. „Sie nahm meine EC-Karte und hob mehrfach Geld ab.“ Die Geheimzahl habe sie sich gemerkt, als er beim Einkaufen bezahlte. Das Geld sei nie zurückgekommen. Anzeige erstattete der Mann nicht. „Es war mein Fehler und mein Problem.“

Bevor der Prozess am 30. Oktober (9 Uhr) fortgesetzt wird, sagt noch der Neffe aus, der Bruder der Nebenklägerin. Nach dem Tod seiner Tante habe sein Onkel nicht gut ausgesehen. „Das änderte sich schlagartig.“ Vorher saß er im Rollstuhl, plötzlich kaufte er ein Cabrio, trat geschniegelt im Anzug auf, „er war voller Lebensfreude“. Offenbar in Zusammenhang mit der „jungen Liebe“. Der kinderlose Mann habe bis zu seinem Lebensende genau gewusst, was er tat. „Er liebte das Intrigenspiel innerhalb der Familie.“



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