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Bürgermeister Christian Springfeld im NDZ-Interview

SPRINGE. Im großen NDZ-Interview spricht Bürgermeister Christian Springfeld über die Dichtheitsprüfung, nervige Baustellen und fehlende Kita-Plätze.

Blick über Springes Dächer: „Ich habe manchmal sogar das Gefühl, wir bauen gerade die ganze Stadt um“, sagt Bürgermeister Christian Springfeld. FOTO: Zett
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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Herr Springfeld, in der Stadt fehlten 2018 mehr als 200 Kita-Plätze. Wie oft melden sich momentan Eltern bei Ihnen, weil ihr Kind nicht unterkommt?

Im Moment ist es ein bisschen ruhiger – aber das heißt nicht, dass das Problem weg ist: Wenn Ende Januar die nächste Vergaberunde ansteht, wird es wieder mehr. Eltern sind leider gezwungen, sich nach einer Absage zu arrangieren, ihren Alltag anders gestalten: weniger arbeiten, Freunde und Familie einspannen. Alles nicht ideal, aber kurzfristig haben wir dadurch natürlich weniger Anfragen.

Im Rathaus haben Sie dem Thema höchste Priorität gegeben. Trotzdem tut sich gerade dort nichts, wo der Bedarf am größten ist: in Springe und Völksen.

Ja, weil wir dort bauen müssen und Flächen brauchen. Ich glaube, ich kann guten Gewissens sagen, dass wir gerade in Völksen nichts unversucht gelassen haben. Wir haben geprüft, einen Bauernhof umzusiedeln, haben viele Grundstücke angeschaut. Bisher ohne Erfolg. Für eine Kindertagesstätte gelten zurecht hohe Auflagen. Die können Sie beispielsweise nicht in einen leer stehenden Laden ohne Außengelände stecken.

Völksen ist nicht die einzige Baustelle.

Nein, aber anderswo ist es leichter. In Bennigsen haben wir auch mit Hilfe der Eltern erweitert und irgendwann die ausgelaufene Peter-Härtling-Schule als Option für eine Kita. In Lüdersen kommt der Waldkindergarten, in Eldagsen wird schon umgebaut.

Und in Springe?

Da haben wir für den Festplatz an der Harmsmühlenstraße inzwischen eine Art Vorgutachten. Da kann gebaut werden. Die Ausschreibung haben wir in Absprache mit der Politik schon vorbereitet. Ich persönlich bin nicht nur dort inzwischen großer Fan von Modulbauten. Die kann man im Zweifel später umsetzen und umnutzen. Sie sind viel schneller errichtet und günstiger als ein Massivbau. Und die Qualität ist erstaunlich hoch, das sehen wir gerade am OHG-Bunker.

Viel Brisanz steckt auch im Thema Dichtheitsprüfung. Warum halten Sie an der Pflicht fest?

Wir machen das nicht, weil es uns Spaß macht. Sondern, weil es rechtliche Hintergründe gibt. Dass eine Nachbarkommune es anders handhabt, hilft unserer Argumentation nicht. Die überwiegende Zahl der Kommunen macht es aber wie wir. Fest steht: Eigentümer müssen dafür sorgen, dass ihr Kanal dicht ist. Wir haben uns in Springe schon vor Jahren entschieden, gemeinsam diesen Weg zu gehen. Und jetzt kurz vor Toresschluss kommt die große Panik. Wir werden das diskutieren. Aber die großen politischen Spielräume sehe ich nicht.

Aber der CDU-Vorschlag, das ganze etwas bürgerfreundlicher zu gestalten, wäre doch ein guter Kompromiss?

Ich habe nichts gegen bürgerfreundlicher. Gerne! Aber wenn bürgerfreundlicher rechtswidrig bedeutet, dann hört es für mich auf. Das geht los beim Bestandsschutz: Den mag es ja geben. Aber sobald jemand anders dabei Schaden nimmt, hört es auf. Das ist doch der Fall, wenn vom Grundstück die Brühe ins Grundwasser läuft oder das Grundwasser ins Kanalnetz.

Kritik gibt es regelmäßig an Ihren Plänen, das Rathaus zu erweitern, weil dort zu wenig Platz ist. Gleichzeitig schaffen Sie neue Stellen. Das passt nicht zusammen.

Doch, passt es. Aber man muss sehen, wie es bei uns aussieht. Ich habe die Situation, dass Azubis und Praktikanten bald auf dem Flur sitzen müssen. Ich bringe nicht drei Leute auf zwölf Quadratmetern unter, weil es denen Spaß macht. Alle Mitarbeiter ertragen die aktuelle Situation, weil es die Perspektive gibt, dass sich etwas ändert. Ohne diese Perspektive sind genau die weg, die wir brauchen. Dazu kommt, dass wir auf so viele Standorte verteilt sind: Neues Rathaus, Altes Rathaus, Salzhaube, Weiße Schule... Ich glaube, das ist vielen so gar nicht klar.

Aber in Zeiten von Mail und Telefon ist das doch kein Problem.

Eben doch: Da ist der persönliche Kontakt wichtiger denn je. Darum haben wir Präsenzpflichten für alle, die Telearbeit machen: Weil es wichtig ist, sich zu sehen, sich auch mal auf dem Flur zu treffen. Mir geht es aber nicht nur um Mitarbeiter, sondern auch um die Bürger.

Das heißt?

Na ja, wie oft haben wir im Rathaus Leute, die wir von Pontius zu Pilatus schicken müssen? Kinderwagen, die wir Treppen hochtragen. Ich will einen zentralen, barrierefreien Bürgerservice. Mal davon abgesehen: Selbst wenn Unterbringungen wie das alte Krankenhaus und das Sparkassenhochhaus machbar wären – dann hätten wir hier plötzlich mitten im Herzen Springes einen denkmalgeschützten Leerstand. Dann doch lieber eine aufgewertete Mitte.

Herr Springfeld, Sie waren von Anfang an ein Gegner der wiederkehrenden Beiträge für Straßensanierungen. Jetzt wird die vom Rat beschlossene Satzung vor Gericht angegriffen.

Richtig, die Normenkontrollklage eines Bürgers ist eingegangen und wird bei Gericht geprüft. Aber wir haben da keine Angst. Ich hoffe sogar, dass das Gericht schnell entscheidet, damit wir Klarheit haben. Und nicht nur wir: Da guckt ganz Niedersachsen drauf.

Wenn die Stadt verliert, können Sie sich freuen, weil Sie die Beiträge ja eigentlich nicht wollen.

Wenn wir verlieren, würde das aber heißen, dass wir nicht gut gearbeitet haben. Ich bin stolz darauf, was unsere Mitarbeiter zusammen mit den Fachleuten geschafft haben. Und wenn mir der Rat als Souverän einen Auftrag gibt, will ich den richtig erfüllen. Das ist mein Anspruch.

So, jetzt möchte ich Ihnen die Gelegenheit geben, sich als Bürgermeister und Aufsichtsratschef der Stadtwerke bei allen Autofahrern für das nervige Jahr zu entschuldigen.

Ich neige mein Haupt in Demut und entschuldige mich. Im Ernst: Ich kann nachvollziehen, wie nervig das ist mit all den Sperrungen in der Kernstadt. Wenn ich selbst unterwegs bin und es eilig hab, sind wieder die blöden Schranken runter. Ich fahre schon häufig über die Osttangente. Und wenn es Alternativen gäbe, hätten wir es nicht so gelöst. Aber die Baustellen sind so unvermeidbar wie sie nervig sind.

Sind Sie denn gerechtfertigt? Lohnt sich das Fernwärmenetz?

Die Nutzerzahlen sind viel besser als wir dachten. Vor allem Großabnehmer, die viel Wärme brauchen, rennen uns die Türen ein. Zum Beispiel die Wohnanlagen am Kalkwerk. Wo es mehr Skepsis gibt, ist bei den Eigentümern von Ein- oder Zweifamilienhäusern. Da gibt es die Angst, dass sie ihr Haus umbauen müssen oder zu viel Druck auf alte Leitungen kommt. Ist aber alles nicht der Fall.

Also müssen wir noch eine Weile die Zähne zusammenbeißen.

Die großen Beeinträchtigungen kommen gar nicht von der Fernwärme, sondern davon, dass wir gleichzeitig auch die Kanäle und Straßen machen. Aber das müssen wir. Wenn wir stattdessen in zwei, drei Jahren die gleiche Straße noch mal anfassen würden, würden uns alle zurecht den Vogel zeigen.

Deutlich weniger Bewegung gibt es bei den Schulen. In Bennigsen ist die Sanierung angelaufen – aber beim OHG ist die Zukunft unklar. Und bei der IGS habe ich das Gefühl, nach außen hin geht es nie so wirklich los.

Doch geht es, dieses Jahr. Aber ich kann das total verstehen: Man sieht ja bei der IGS wirklich noch nichts. Als Außenstehender bekommt man nicht mit, was für ein unglaublicher Planungsaufwand das ist. Wir bauen kein Haus, sondern an einer Schule. Und das nicht auf der grünen Wiese, sondern im Bestand. Aber ich sage: lieber doppelt gut geplant und dann vernünftig gebaut. Und das Bauen dauert dann auch nicht mehr so lange.

Könnte aber teuer werden – wir sind bei 15 Millionen Euro plus.

Es ist ja kein Geheimnis, wie sehr die Baupreise steigen. Und der Architekt konnte bisher auch nur seine Erfahrungswerte einbringen. So wirklich wissen wir erst, was es kostet, wenn wir die Angebote von den Firmen haben.

Zu Straßen, Kanälen und Schulen kommen die Feuerwehren. Nimmt sich die Stadt da nicht schon wieder zu viel vor?

Nein, das sehe ich nicht. Wir planen deutlich realistischer als früher, sprechen uns ab. Da sind wir gut aufgestellt. Wir verzahnen die Projektplanung im Hochbau eng mit der Finanzplanung.

Sie haben schon im Wahlkampf gefordert, eine Klammer um all diese Projekte zu fassen – als Stadtentwicklungskonzept. Die Politik hält das mehrheitlich für unnötig.

Ja, das war für mich schon damals ein Lieblingsthema. In Springe ist eine Weile wenig passiert beim Hochbau, da haben wir Nachholbedarf. Ich habe manchmal sogar das Gefühl, wir bauen gerade die ganze Stadt um. Das merkt man vielleicht gar nicht, wenn man meistens in seinem eigenen Ortsteil ist. Für mich wäre es wichtig, gemeinsam mit der Politik Prioritäten zu setzen: Wo sehen wir Springe im Jahr 2030? Statt einfach nur die Projekte stumpf abzuarbeiten, könnten wir allen einen Kompass, einen Rahmen geben.

Die Kritik aus der Politik ist ja: Die Stadt hat sowieso erstmal eine Menge abzuarbeiten, da brauchen wir kein Konzept.

Ich denke, dass man die Zeit, die man für das Konzept investiert, später zurückbekommt. Indem wir zum Beispiel gemeinsame Schwerpunkte und Prioritäten setzen. Klar, am liebsten ginge ich mit einem Zauberstab durch die Stadt und machte alles. Aber das geht eben nicht.

Sie sind im Laufe des vergangenen Jahres immer mal wieder mit Teilen des Rats aneinandergeraten, besonders mit CDU und SPD. Wie empfinden Sie das Verhältnis?

Ganz persönlich glaube ich: Es ist besser denn je. Auch wenn es nach außen nicht immer so rüberkommt. Wir haben Gespräche geführt, die waren nicht unangenehm, sondern konstruktiv. Klar sieht eine Verwaltung auch mal Dinge anders – aber das liegt auch an der Aufgabenverteilung. Wir sind manchmal die Spielverderber, die bei Wünschen der Politik sagen muss: Geht nicht. Und wenn die Emotionen in Einzelfällen mal hochkochen, dann will ich nicht, dass alle das runterschlucken und sich ärgern. Sondern gezielt das Gespräch suchen.



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