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Schul-Attentat im Internet angekündigt: Amtsgericht verurteilt 18-Jährigen zu Jugendarrest

Brutale Todesdrohung als einsamer Hilfeschrei

Springe. Es war ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Der Versuch, irgendeine Art Reaktion zu bekommen, von Menschen, die doch seine Freunde sein sollten. Und die ihn trotzdem so kalt ignorierten, hier im Internet. Aber mit seiner unbedachten Blutbad-Drohung beschäftigte der 18-jährige Springer nicht nur Polizei und Staatsanwaltschaft stundenlang – er versetzte auch Mitschüler und Eltern in Angst und Schrecken. Konsequenz: erst der Rauswurf der Berufsschule in Hannover – und seit gestern auch zwei Wochen Jugendarrest.

Im Netzwerk „Facebook“ kündigte der Schüler aus Springe ein Blutbad an. Jetzt muss er für zwei Wochen in Jugendarres
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Christian Zett Redaktionsleiter zur Autorenseite

Dienstagmittag im Amtsgericht: Der junge Mann in seinem schwarzen Shirt und den übergroßen Hosen wirkt schüchtern, er spricht meist leise. Seine Lockenmähne wippt, wenn er nickt oder den Kopf schüttelt. Als „ruhiger Schüler, Einzelgänger“ beschreibt ihn der Sozialpädagoge der hannoverschen Berufsschule am Abend des 6. Aprils, ein Mittwoch, gegenüber der Polizei. Zu diesem Zeitpunkt haben besorgte Eltern bereits entdeckt, was der 18-Jährige da auf der Internetseite Facebook geschrieben hat. „Ich habe die Schnauze voll“, steht da. Und weitere Sätze, deutlich und brutal: „Morgen ist es so weit, ihr seid alle dran. Jeder, der mir im Weg steht, wird gnadenlos weggeschossen. Einer nach dem anderen wird blutend vor mir liegen.“

Zeilen, die Angst auslösen bei Müttern, Vätern und Mitschülern, von denen sich viele noch an die brutalen Massentötungen an Schulen in Erfurt oder Winnenden erinnern. Mehrere Hinweise und Anzeigen erreichen im Laufe des Abends Polizeidienststellen rund um Hannover und Springe.

Um zu verstehen, warum sich ein zumindest auf dem Papier erwachsener Mensch zu solchen Äußerungen hinreißen lässt, muss man in die Welt eintauchen, die sich Facebook nennt. Knapp 700 Millionen Nutzer weltweit, 18 Millionen allein in Deutschland. Sie alle können sich hier eine eigene Profilseite anlegen, mit Fotos, persönlichen Daten, Hobbys. Und sich miteinander vernetzen – die virtuellen Verbindungen nennt Facebook „Freunde“. Eine Abwertung dieses Begriffs, könnte man meinen – denn viele der Freundeslisten umfassen mehrere hundert Menschen, nicht alle kennen sich auch wirklich persönlich.

Wer will, kann hier auch Nachrichten hinterlassen, Botschaften an sein persönliches soziales Netzwerk. Das tat auch der 18-jährige Springer – und war frustriert: Niemand seiner im Netz mit ihm verbundenen Mitschüler antwortet ihm. Gegenüber einem Bekannten äußert er Frust: „Warum setzten mich die Leute auf ihre Liste und reden dann nicht mit mir?“, fragt er auch gestern vor dem Springer Amtsgericht. Für ihn gibt es nur eine Lösung: Er will etwas schreiben, „worauf man einfach reagieren muss“, sagt er. „Und was Besseres ist mir nicht eingefallen.“ Also muss es so gehen: Mord und Totschlag. Blut. Schießerei. Die Richterin hakt nach: „Haben Sie sich denn keine Gedanken gemacht, was sie da eigentlich geschrieben haben?“ Der Schüler schüttelt den Kopf, senkt die Stimme: „Ich hab‘ nicht drüber nachgedacht.“

Auch nicht darüber, was seine Drohung auslöst: Stundenlang ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft. Sie müssen klären, wer der mutmaßliche Täter ist, wo er wohnt, wie real diese Bedrohung ist. Schnell gehen Gerüchte um, der Angeklagte sei Mitglied eines Schützenvereins gewesen. Die Alarmstufe steigt.

Am Abend des 6. April stehen Beamte schließlich vor dem Haus der Familie in Springe. Sie durchsuchen die Räume, beschlagnahmen den PC des 18-Jährigen und verhaften den Schüler. Nach dem Verhör verbringt er noch eine Woche unter Beobachtung in der Psychiatrie in Wunstorf.

Als es gestern vor Gericht um die familiäre Situation des 18-Jährigen geht, wird die Öffentlichkeit vorübergehend ausgeschlossen – aus Gründen des Jugendschutzes. Später bescheinigt ihm die Jugendgerichtshilfe eine Reifeverzögerung, er soll nicht nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden. Schließlich folgt das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft: zwei Wochen Jugendarrest. Wegen „Störung des öffentlichen Friedens“ – aber auch wegen Beleidigung. Zwei Tage vor der Todesdrohung hatte er – ebenfalls bei Facebook – eine Lehrerin aufs Übelste beleidigt. Gestern klang seine Kritik harmloser: „Total streng“ sei sie, „nicht wirklich beliebt“. Die Richterin mahnt: „Ist das ein Grund, so etwas zu schreiben?“ Der junge Mann senkt den Blick: „So etwas Hartes? Eigentlich nicht.“



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