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Feld-Ecken werden ohne Wissen der Eigentümer zu Biotopen erklärt – und sind damit plötzlich weniger wert

Boitzumer fühlen sich enteignet

Boitzum. Jagdpächter Reinhard Ebeling aus Boitzum ist entsetzt: Eine von ihm gepachtete Ackerfläche, auf der er vor einigen Jahren auf eigene Kosten einen künstlichen Teich angelegt und mit Büschen umpflanzt hat, um Wassertieren und Wild einen Rückzugsraum zu bieten, wurde von der Region Hannover zum Biotop erklärt und steht seither unter gesetzlichem Schutz.

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Autor:

Simone Hempelmann

Ebeling und Annegret Martin, Eigentümerin und Verpächterin des Ackers, fielen aus allen Wolken. „Diese Vorgehensweise ist unfassbar“, empört sich Ebeling, der früher für die CDU im Stadtrat saß. Er sei per Pachtvertrag verpflichtet, die zum Teich umgestaltete Fläche bei Vertragsende wieder zu räumen und in ein übliches Feld umzuwandeln. Da dies aufgrund der Biotop-Bestimmungen nicht mehr möglich sei, müssten entweder er oder seine Erben entsprechenden Schadenersatz an die Verpächter zahlen. „Wenn Naturschutz auf diese Art praktiziert wird, pflanze ich hier in Boitzum keinen einzigen Strauch mehr“, sagt Ebeling.

Seit Jahren ist der Christdemokrat um den Schutz der Natur rings um Boitzum bemüht und hat gemeinsam mit anderen Jägern und in enger Zusammenarbeit mit dem Realverband unzählige Büsche und Sträucher an verschiedene Standorte gesetzt, um die vom Ackerbau überformte Landschaft wieder mehr zu strukturieren.

Auch für Annegret Martin hat das Biotop deutliche Auswirkungen: Die ehemalige Ackerfläche ist über Nacht durch den Bescheid der Region Hannover unnutzbar geworden und dadurch in ihrem Wert um mehrere tausend Euro gesunken. Schadenersatz oder Verlustausgleich haben vermutlich weder Ebeling noch Martin zu erwarten.

Neben dem künstlich angelegten Teich sind noch einige weitere von den Jagdpächtern bepflanzten Flächen zum Biotop erklärt worden. Auch die Eigentümer von Sträuchern und einigen Bäumen bewachsenen Flächen am Steinbrink wurden von der Nachricht überrascht, dass ihr Eigentum jetzt als Biotop gilt.

Hintergrund der plötzlichen Biotop-Flut rings um Boitzum sind die zahlreichen Gutachten, die im Zusammenhang mit einem geplanten Hähnchenstall von der Region Hannover nach und nach eingefordert wurden. Ein Boitzumer Landwirt wollte den Stall in der Gemarkung errichten, hat davon aber mittlerweile wegen der immer zahlreicher werdenden Auflagen Abstand genommen. Zwei Bürgerinitiativen wollten den Bau verhindern; daraufhin wurden im Auftrag des Fachbereichs Umwelt der Region Hannover einige Verdachtsflächen gesetzlich geschützter Biotope erfasst und bewertet.

Region Hannover

spricht von einem verzwickten Fall

Dieser Beschluss wird ohne ein besonderes Verfahren wirksam, teilte die Region den überraschten Eigentümern und Nutzungsberechtigten schriftlich mit. Im gleichen Schreiben wurde darüber informiert, dass Handlungen, die zu Beeinträchtigung oder gar Zerstörung des Biotops führen, als Ordnungswidrigkeit geahndet werden können und die Region gehalten ist, erforderliche Maßnahmen zu Schutz zu treffen.

Der zuständigen Mitarbeiterin bei der Region Hannover ist es untersagt, zu diesem Thema eine Stellungnahme abzugeben. Regionssprecher Klaus Abelmann erläuterte nach Rücksprache: „Wer in solch einem Fall Anspruch auf eventuelle Entschädigung hat und wer diese zahlt, ist sehr diffizil und nur am konkreten Einzelfall – im Zweifelsfalle auch juristisch – zu klären.“

Grundsätzlich bestünde natürlich immer die Möglichkeit, dass sich auf brachliegenden Flächen schützenswerte Flora oder Fauna ansiedele und dass die Gesetzgebung hier dann ein Biotop entstehen ließe. Vermeiden ließe sich dieses nur, indem man „rechtzeitig einmal über die Fläche drüber gehe“, so Abelmann. Allerdings sei diese Radikalmaßnahme genauso wenig dem Naturschutzgedanken förderlich und wünschenswert wie die Konsequenz von Ebeling, künftig keine Bäume, Hecken und Sträucher mehr zu pflanzen. „Ein verzwickter Fall“, urteilt Abelmann.



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