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„Bisher gibt es nur Lippenbekenntnisse“

Springe. Am liebsten wollte er im vergangenen Jahr aus der Region austreten: Die Wut war groß bei Bürgermeister Jörg-Roger Hische über das Aus fürs Springer Krankenhaus. Aber auch so gibt es im Rathaus genug Baustellen. Mit Christian Zett spricht Hische im Interview über die Müllreform, die S-Bahn und was ihm für die Schulen vorschwebt.

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Krankenhaus, Müllchaos, die Pläne für die S-Bahn. Nach so einem Jahr haben sich Springe und die Region nicht mehr so richtig lieb, oder?


Das kann ich nur unterschreiben. Speziell das Krankenhaus hat die Beziehung natürlich eingetrübt. Die anderen Dinge sehe ich nicht ganz so kritisch. Klar, beim Müll ist es bitter, weil wir hier eigentlich Weltmeister im Trennen waren. Aber die jetzt vom Gericht bestätigte Mindestmenge führt dazu, dass man alles nur noch zusammenwirft. Aber das trifft ja nicht nur uns in Springe, sondern alle. Da gibt es sogar einen richtigen Schwarzmarkt im Internet, nur für Restmüllsäcke. Man sollte wirklich überlegen, ob man nicht wieder zwei Systeme zulässt: die Tonne in der Stadt, den Sack im Umland.

 

Und beim Nahverkehrsplan? Es soll in einigen Jahren zusätzliche Halte auf der S 5 geben, die dann außerdem nicht mehr bis zum Flughafen durchfahren würde.


Ich verstehe ja, dass man da auch die Interessen anderer Kommunen berücksichtigt. Und wenn der Zug zwischen Weetzen und Fischerhof öfter hält, ist das für mich auch kein Weltuntergang. Die S-Bahn ist insgesamt ein Gewinn für uns. Die Flughafen-Anbindung, das würde uns schon härter treffen. Man muss sehen, wie es weitergeht.

 

Was wollen Sie jetzt in Sachen Krankenhaus unternehmen?
Das Problem ist: Es ist nicht unser Krankenhaus, sondern das der Region. Als Stadtbürgermeister werde ich mich trotzdem nicht verweigern, wenn wir jetzt zum Dialog eingeladen werden. Optimal wäre, wenn ein neuer Träger das ganze Haus übernehmen würde.

 

Das würde die Region kaum mitmachen…

Genau. Weil sie sich dann selbst Konkurrenz machen würde und die Patientenströme, die sie für Gehrden braucht, nicht mehr hätte. Trotzdem muss man das alles ernsthaft prüfen. Genau wie den Umfang der Notfallversorgung, die Chancen auf Spezialkliniken. Ich weiß nicht, welche Energie und Ernsthaftigkeit die Geschäftsführung da reinsteckt. Bisher gibt es nur viele Lippenbekenntnisse. Ich bin darum vorsichtig, was meine eigenen Erwartungen angeht.

 

Die Grünen im Springer Rat haben verschiedene Kompensationen als Ersatz für das Krankenhaus gefordert, bei Schulen, beim Nahverkehr. Würde das helfen?

Ich glaube da nicht dran und wir haben den Antrag der Grünen ja auch nicht verabschiedet. Die Region ist hoch verschuldet. Die sparen ja nicht beim Krankenhaus ein und schmeißen das Geld woanders wieder raus. Und dass wir über Dinge wie einen zweiten Bahn-Haltepunkt in der Kernstadt diskutieren, ist für mich keine Kompensation, sondern ein ganz normaler Vorgang.

 

Sie haben wegen der Krankenhaus-Schließung plakativ mit einem Austritt aus der Region gedroht. Hat Springe denn gar nichts mehr von diesem Bund?

Natürlich profitieren wir, da muss man Realist sein. Wir haben viele Berührungspunkte, haben die BBS und die Korczak-Schule, wir haben einen attraktiven Nahverkehr, eine gute Zusammenarbeit beim Jugendamt. Aber ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass die Region mehr mit den Menschen redet, wenn es ums Krankenhaus geht. So wirkte das oft arrogant, was da rüberkam - auch vom Regionspräsidenten Hauke Jagau.

 

Auch ohne Streit ums Klinikum oder den Nahverkehr hat die Stadt ja genug eigene Baustellen. Allein die Schulden…

Klar, die Lage ist durchwachsen. Aber wer noch ernsthaft sparen will, müsste an freiwillige Leistungen wie Hallenbad, Museum und Bibliothek ran. Da sind wir uns aber nach harten, fairen Verhandlungen mit der Politik einig: Das wollen wir nicht.

 

Jetzt kommen auch noch mehrere Millionen Euro für die neue IGS und die Arbeiten an der Grundschule Bennigsen dazu.

Ja, da müssen wir investieren. Wer A sagt, muss auch B sagen. Aber wenn die IGS voll läuft, dann sind wir gut aufgestellt. Bei den Grundschulen will ich nichts überstürzen. Diskussionen über eine Zusammenlegung in der Kernstadt verschrecken nur die Eltern. Man kann in ein paar Jahren darüber nachdenken und dann auch die Frage stellen, was mit dem Gebäude am Ebersberg passiert.

 

Was schwebt Ihnen denn in Bennigsen vor?
Wenn wir da jetzt die Millionen in die Hand nehmen, muss man auch die Gestorfer Schüler in die Überlegungen einbeziehen. Das muss erlaubt sein - so wie es in Alferde erlaubt ist, über die gemeinsame Nutzung eines Gerätehauses durch mehrere Feuerwehren nachzudenken. Dass es Ortsteile ohne Schulen gibt, ist nicht so ungewöhnlich. Das wissen die Lüderser. Da gehen die Kinder seit Jahren in Bennigsen zur Schule.

 

Wann droht Springe das Schicksal von Bad Münder, wo das Land für seine Millionen-Hilfe auch beim Haushalt mitbestimmt?

Von einem Zukunftsvertrag sind wir weit entfernt. Dafür sind wir nicht schlimm genug verschuldet. Klar ist aber auch: Aus eigener Kraft kommen wir aus der ganzen Sache nicht mehr raus. Land und Bund müssen sich was einfallen lassen.

 

Trotzdem können Sie ja nicht die Waffen strecken.

Nein. Wir haben viel zu tun, um Springe attraktiv zu halten und so Einnahmen zu generieren. Das sind nicht nur die Schulen. Vor allem Arbeitsplätze holen neue Einwohner. Wir müssen Ansiedlungserfolge wie Paulmann oder Octapharma vorantreiben. Mir ist klar, dass wir kein Logistikstandort werden wie die Orte an der Autobahn. Aber es ist auch nicht alles schlecht hier.

 

Wo sollen denn die Familien, die sie da anlocken wollen, ihre Häuser bauen?

Wir werden vorsichtig planen. An der Jägerallee könnte etwas entstehen, da sprechen wir auch mit dem Diakoniezentrum. In Bennigsen ist die Schille ein hervorragender Standort. Aber wir müssen erst an das Abwassernetz ran. Aber es ist ja auch nicht so, dass man im Stadtgebiet nicht bauen könnte. Das wird gerne schlechter dargestellt, als es ist. Wir haben den zweiten Abschnitt am Großen Graben. Das Gebiet finde ich nicht unattraktiv. Dann tut sich was in Völksen am Bosselweg, in Eldagsen halten wir die Klosterstraße vor. Nacharbeiten müssen wir in der Kernstadt bei der Innenverdichtung, bei Lückenschließungen. Aber das hat auch immer was mit der Verkaufsbereitschaft der Eigentümer zu tun.

 

Sie sind in diesem Jahr ziemlich angeeckt, als sie die Veranstalter des alternativen Fuchsbaufestivals in Eldagsen kritisiert haben.

Ich habe eine Meinung dazu, die durch meine Erfahrung bei der Polizei geprägt ist. Dass der Rat einen Antrag verabschiedet hat, auf die Organisatoren zuzugehen, akzeptiere ich. Aber solange ich hier verantwortlich bin, werde ich die Auflagen so einhalten lassen, dass die Interessen der Akteure und Besucher genauso berücksichtigt werden wie die der Anwohner und des Naturschutzes. Bisher haben wir aber auch noch keine Anfrage der Veranstalter für 2015 erhalten.

 

Verantwortlich sind Sie ja eigentlich noch bis 2019. Aber 2016 räumt Ihnen das Land die Chance zum vorzeitigen Abschied ein, damit Kommunal- und Bürgermeisterwahl wieder parallel stattfinden können. Sie zögern schon länger - greifen Sie jetzt zu?

Es gibt noch keine Entscheidung. Theoretisch habe ich bis sechs Monate vor der Wahl Zeit. Fairerweise will ich aber bis zum Frühjahr eine Entscheidung fällen. Sonst haben die Parteien keine faire Chance, rechtzeitig auf Kandidatensuche zu gehen. Ich mache den Job gerne. Aber es war ein hektisches Jahr und manche Angriffe steckt man nicht mehr so leicht weg wie früher. Ich bin jetzt in meinem 13. Amtsjahr. Das ist eine lange Zeit.



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