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Bernd Grabbe liest Menschen mit Demenz vor

VÖLKSEN. Und sobald er den Geschmack des in Lindenblütentee getunkten Madeleine- Stückes, welches ihm seine Tante zu geben pflegte, erkannt hatte, überkamen Marcel die Erinnerungen: Er ist der Protagonist im Weltroman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust.

Samstags war Badetag: Bernd Grabbe zeigt ein Buch, das speziell für Menschen mit Demenz verfasst wurde. FOTO: MISCHER
Mischer

Autor

Ralf T. Mischer Redakteur zur Autorenseite

In der oben zitierten Szene findet er gerade den Schlüssel zu seinen Jugenderinnerungen. Bernd Grabbe, Friseurmeister aus Völksen, weiß, wo dieser Schlüssel häufig verloren gegangen ist. Und er hilft Menschen, ihre Erinnerungen wiederzufinden.

Auf dem Tisch von Grabbe stapeln sich etliche Bücher: schmale Gedichtbände, Lesebücher mit schwerem Einband, Heimatbücher in dezenten Grüntönen. Papierene Buchwelten, die erst im Kopf der Leser lebendig werden – und die helfen können, Erinnerungen wachzurufen.

Bei Menschen mit Demenzerkrankungen sind die häufig nicht mehr abrufbar. Szenen aus Kindertagen, der erste Kuss oder die eigene Hochzeit, verborgen hinter einem grauen Schleier des Vergessens. Mit den Geschichten in den Büchern, die auf dem Tisch liegen, können Erinnerungsbrücken gebaut werden, die den Demenznebel vertreiben. Bernd Grabbe liest sie vor, immer wieder. Schon seit über zwölf Jahren.

Es fing damit an, dass er für seine erkrankte Mutter vorlas. Zuerst aus dem Lokalteil der Zeitung, später auch aus Gedichtbänden und Sachbüchern. Die Mutter war begeistert davon – und ihre Nachbarn, darunter viele ältere Menschen mit Demenz, kamen auch gleich vorbei. Für sie alle war die Lesestunde ein Glanzlicht in der Woche. Heute liest er ehrenamtlich in einem Pflegeheim vor. Im Schnitt 30 Senioren hören ihm zu. „Ich lese aber auch, wenn nur drei da sind.“

Etliche Buchverlage haben sich mittlerweile auf das Thema Vorlesen für demenziell Erkrankte spezialisiert, die Deutsche Alzheimergesellschaft betont den positiven Effekt des Vorlesens für das Gedächtnis der Erkrankten. Episodisches oder autobiografisches Gedächtnis nennen Forscher die Fähigkeit des Menschen, einmal erlebte Szenen anhand winziger Hinweise Jahre später im Geiste auferstehen zu lassen – trotz Demenzerkrankung. Das können Gerüche sein, Lieder – oder Worte.

Manchmal nimmt Grabbe einfach das Zitatlexikon und liest daraus vor. Welches Wort oder welcher Satz bei seinen Zuhörern zur Erinnerungsbrücke wird, weiß er vorher nicht. Einmal las er eine Geschichte über das Wunder von Bern vor – und da ging es vielen Zuhörern so wie dem Protagonisten im Roman von Proust: Die Erinnerungen kamen. „Bei vielen leuchteten da die Augen, weil ihnen die Weltmeisterschaft ein Begriff war.“ Plötzlich konnten sie Sepp Herberger zitieren, sprachen den Text des Fußballkommentators nach; „Rahn müsste schießen. Rahn schießt, Tor.“

Grabe bekennt: „Das macht mir einfach Spaß.“ Immerhin gäben die älteren Menschen viel zurück. Nicht selten wird aus den Lesungen eine lebhafte Diskussion: Wenn bei den Zuhörern die Erinnerungen zurückkehren, tauschen sie sich darüber aus. Zeit dafür plant Grabbe jedenfalls ein.

Dass die Krankheit am Gedächtnis nagt, bedeutet eben nicht, dass die Betroffenen sich an nichts mehr erinnern können. „Die wissen noch ganz viele Dinge“, betont er. Die Rückkehr der Erinnerungen sei oft mit emotionalen Ausbrüchen verbunden: „Oft stehen ihnen die Tränen in den Augen“, sagt der Vorleser. Grabbe lässt das zu, unterbricht die Lesung in solchen Fällen.

Manchmal stellt Grabbe auch ganz dezent Fragen. „Was haben Sie damals gegessen, was haben Sie als Jugendlicher in der Freizeit gemacht?“ Und wenn die Stimmung stimmt, dann sprudelt es aus den Senioren heraus: Dass sie ihr erstes Stelldichein mit 17 Jahren hatten.

Stelldichein ist das, was man heute Date nennt. Das Wort wird heute aber praktisch nicht mehr verwendet, ist tot. „Das ganze Wissen, das die älteren Menschen haben, ist kostbar. Ich kann davon profitieren“, bilanziert der 65-jährige Vorleser aus Völksen. Ergänzt: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich damit je aufhöre.“

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